L’Chaim – Auf das Leben!

Im Jahr 2009 drehte der deutsche Journalist Elkan Spiller einen Film über seinen Cousin Chaim. Der Sohn von Holocaust-Überlebenden begeisterte das Publikum mit seiner freien und berührend offenen Art auf über 50 Festivals. Jetzt legt Spiller mit einem Langfilm nach. In „L’Chaim“ erzählt er ausführlicher die Geschichte seines Cousins. Dabei gelingt ihm ein warmherziges Porträt eines einzigartigen Menschen. Gleichzeitig rückt er die Schwierigkeiten ins Bild, die Shoa-Überlebende der zweiten Generation bis heute haben.

Webseite: http://mindjazz-pictures.de/project/lchaim

Deutschland 2014
Buch und Regie: Elkan Spiller
Produzent: Elkan Spiller
Schnitt: Günter Heinzel
Länge: 92 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 27. August 2015
 

Pressestimmen:

"Ein bewegender Dokumentarfilm… Mit seinem Film öffnet Elkan Spiller die Herzen der Zuschauer. Eine Meditation über das Leben, die menschliche Seele und worauf es bei alldem wirklich ankommt. Auf's Lachen. Und ja, auf Glaube, Liebe, Hoffnung."
ARD titel thesen temperamente

FILMKRITIK:

Chaim Lubelski sitzt im Auto. Abetragenes Käppi auf dem Kopf, unter dem ergrauende Locken hervorquellen. Langer Bart, nicht gerade gepflegt. Der Mann hat gerade einem Coffeeshop irgendwo in Holland einen Besuch abgestattet und dampft nun einen Joint. Dabei philosophiert er über das Leben und bestellt nebenbei ein Taxi für seine Mutter, die er vergessen hat abzuholen. Ein liebenswerter Chaot, so der erste Eindruck. Aber das trifft die Persönlichkeit von Chaim nicht wirklich. Dieser Mann ist wahrhaft frei. Er hat in Israel als Hippie am Strand gelebt, in New York mit dem Handel von Jeans Millionen gemacht, mit Börsenspekulationen wieder verloren und wäre beinahe Schach-Großmeister geworden. Nun lebt Chaim bei seiner Mutter in Antwerpen und kümmert sich hingebungsvoll um die alte Dame. Bei ihr kommen schmerzhafte Erinnerungen an ihre schreckliche Zeit im Konzentrationslager wieder hoch. Und auch Chaim, der gläubige Jude, muss sich eines Erbes stellen, das er bisher nicht annehmen wollte.
 
Mit ungeheurem persönlichen Einsatz, der an die Grenzen seiner Kräfte ging, hat der in Köln geborene Elkan Spiller diesen Film gemacht. Weil deutsche TV-Sender abwinkten, war die Finanzierung nur mit einer Crowdfunding-Kampagne möglich. Herausgekommen ist dabei ein Film, der auf den ersten Blick sehr einfach wirkt: Spiller folgt seinem Cousin in seinem Alltag, der nicht nur aus dem Einkauf von Marihuana besteht, sondern vor allem aus der Pflege seiner Mutter. Er begleitet Chaim nach Jerusalem, wo der ein Zimmer mietet, nur um dort heilige Bücher aufzubewahren. Überall, wo Chaim auftaucht, hat er alte Bekannte, gehen die Menschen auf ihn zu. Aber „L’Chaim“ ist mehr als ein Film über einen Exzentriker. Spiller gelingt ein dichtes, vielschichtiges Porträt jüdischen Lebens in Europa. Und er stellt dabei in den Mittelpunkt, was in der deutschen Gegenwart nicht adressiert wird: Das Erbe der Menschheitskatastrophe Shoa und wie es das Leben der Nachgeborenen bis heute bestimmt.
 
So ist Chaim nicht nur der herzliche Zausel, der mit unglaublichem Charisma durch das Leben laviert. Er ist auch der Leidende, der die unfassbaren Qualen und Schmerzen seiner Eltern mit sich trägt und sie nur durch dämpfende Drogen ertragen kann. Spiller filmt auch das Verlöschen der letzten Generation, die den Holocaust am eigenen Leib ertragen musste und Zeugnis ablegen kann von der Barbarei dieser Zeit. Es ist unglaublich berührend zu sehen, wie Chaims Mutter mit Tränen in den Augen von ihren Erfahrungen berichtet und im nächsten Moment mit glänzenden Augen einen Schlager von damals singt. Und doch ist „L’Chaim“ ein heiteres Stück lebensbejahender Philosophie. Sein Protagonist lässt sich von keinen Konventionen einengen und ist ganz bei sich selbst. Er lebt wahre Hingabe und verzichtet auf Statusdenken. Obwohl Chaim auch am Leben leidet, nimmt er es an.
 
Oliver Kaever