Lebe schon lange hier

Aus den Fenstern seiner Wohnung beobachtet der in Berlin lebende Filmemacher Sobo Swobodnik das Leben auf der Straße. Ganz alltägliches, das meiste würde man banal nennen, findet Eingang in den dokumentarischen Essayfilm „Lebe schon lange hier“, der darum bemüht ist, die Schönheit im Normalen zu finden.

Webseite: www.partisan-filmverleih.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Regie & Buch: Sobo Swobodnik
Länge: 90 Minuten
Verleih: Partisan Filmverleih
Kinostart: 24. Oktober 2019

FILMKRITIK:

Es ist ein Blick, den viele Berliner kennen, wenn sie aus ihrem Fenster schauen: Gründerzeitbauten, manche saniert, andere in Zuständen wechselnden Verfalls, Bretterzäune mit Plakaten, die auf das vielfältige Kulturangebot der Hauptstadt hinweisen, bügelförmige Fahrradständer, an denen eher baufälligere Modelle geschlossen sind. Das ist der Blick, den der seit langem in Berlin lebende Regisseur Sobo Swobodnik hat, wenn er aus seiner Wohnung im Prenzlauer Berg sieht. Vor einigen Jahren begann Swobodnik aus seinem Fester zu filmen, die vorbeikommenden Passanten, die Wagen der Straßenreinigung, die Taxen und Rettungswagen nicht mehr nur zu beobachten, sondern zum Teil einer filmischen Collage werden zu lassen.
 
„Nach 100 Jahren Walther Ruttmanns Berlin – Die Sinfonie der Großstadt wieder ein moderner Großstadtfilm über Berlin“ heißt es dazu im Pressematerial, was nicht zuletzt angesichts der bewussten Beschränkung des Blicks und der filmischen Mittel gut und gern ein, zwei Nummern zu hoch gegriffen ist. Der Untertitel „Ein Heimatfilm aus Berlin“ trifft es dagegen schon besser, denn gerade die Banalität der Beobachtung erzeugt ein ganz eigenes Bild der Hauptstadt.
 
Zwar sieht man bisweilen den Fernsehturm im Hintergrund, ansonsten ist von all dem, was Berlin aus und bekannt macht nichts zu sehen. Es ist keine besonders schöne Ecke, an der Swobodnik wohnt, keine Cafes oder Bars sorgen für abendliches Treiben auf den Straßen, diese Ecke Berlins könnte normaler und durchschnittlicher kaum sein.
 
Und so sind auch die Ereignisse, die Swobodnik beobachtet, an Normalität kaum zu überbieten: Fahrradfahrer huschen vorbei, eine Mutter schiebt einen Kinderwagen, ein Taxi bringt Passagiere an, eine Ambulanz holt Patienten ab. Wenn da mal ein semi-professionelles Foto-Shooting auf der Straße stattfindet ist das schon ein Ereignis.
 
All diese Aufnahmen sind mit einer vielschichtigen Tonspur unterlegt: Melancholische Musik von Till Mertens wechselt mit ungeordneten Kommentaren ab, die wie Tagebucheintragungen wirken und vom Schauspieler Clemens Schick mit sonorer Stimme vorgetragen werden. Und als drittes Element Geräusche aus Swobodniks Wohnung, die eine scheinbar zufällige Soundkulisse abgeben. Auf den Anrufbeantworter gesprochene Nachrichten, Soundschnippsel aus Radio oder Fernsehen, dazu Geräusche wie Staubsaugen, Rasieren oder Abwaschen.
 
Als langen Fluss von Alltäglichem schildert Swobodnik das Leben, aus einzelnen Momenten, Ereignissen, Situationen, die größtenteils ohne Bedeutung sind, die schnell vergessen wäre, hätte sie der Regisseur nicht mit seiner Kamera eingefangen und im Zusammenschnitt von „Lebe schon lange hier“ in den besten Momenten einen poetischen Blick auf das Leben entstehen lassen.
 
Michael Meyns