Lenas Klasse

Ivan I. Twerdowskijs Debütfilm ist ebenso realistisch wie deprimierend. Die Geschichte von Lena, die im Rollstuhl sitzt und in eine Schulklasse von Außenseitern gesperrt wird, entwickelt sich von einem beinahe leichtfüßigen Teeniefilm zur bitteren Anklage gegen ein überfordertes Schulsystem, das die Ausgrenzung zum Programm macht. Trotz der dokumentarischen Kraft seiner Bilder und trotz der überzeugenden Darsteller ist der kleine Debütfilm wohl kaum ein alltagstauglicher Kinohit. Das könnte an der dargestellten trüben Realität liegen, aber auch an einem halbherzigen Schluss, der vermutlich optimistisch sein soll, aber eher ratlos macht.

Webseite: www.kino-krokodil.de/verleih

Originaltitel: Класс коррекции/Klass Korrekzii
Russland/Deutschland 2014
Regie: Ivan I. Twerdowskij
Drehbuch: Dmitrij Lantschichin, Iwan I. Twerdowskij
Darsteller: Nikita Kukuschin, Philipp Awdejew, Mascha Poeshaewa
Länge: 89 Minuten
Verleih: Krokodil Distribution
Kinostart: 28. April 2016
 

Preise/Auszeichnungen:

Hauptpreis East of the West – Karlovy Vary 2014
Bester Film, FIPRESCI-Preis und Preis der ökumenischen Jury – Cottbus 2014
Bester Debütfilm – Sotschi 2014
Publikumspreis – Thessaloniki 2014
Preis der Gilde der Filmkritiker und –historiker – Festival der Menschenrechte Moskau 2015
Hauptpreis, Publikumspreis, Bestes Drehbuch und Preis für den besten männlichen Darsteller – Festival des Russischen Films Honfleur 2015
Spezialpreis der Jury und CineEuropa-Preis – Lecce 2015

FILMKRITIK:

Eine Schule in irgendeiner spuckhässlichen Vorstadt irgendwo in Russland feiert den Beginn des neuen Schuljahrs. Ein festlicher Akt, doch nicht alle sind dabei: Die Integrationsklasse, in die Lena kommen soll, hat im obersten Stockwerk einen eigenen Flur – passenderweise mit einer Gittertür davor. Lenas Mutter hat einige Probleme, den Rollstuhl ihrer Tochter bis nach oben zu bringen, denn es gibt keinen Fahrstuhl. Dafür werden die beiden gleich von einer Lehrerin angeschnauzt, weil Lena zu spät kommt. Die Integrationsklasse besteht aus Jungs und Mädchen mit körperlichen und geistigen Handicaps. Lena wirkt gegen die anderen wie ein schöner, eleganter Flamingo in einem Schwarm von Straßentauben. Sie ist 16, leidet unter einer Muskelkrankheit und wurde bisher zu Hause unterrichtet. Zu Anfang läuft alles ganz gut: Lena kommt im Unterricht mit, sie genießt es, endlich mal unter Gleichaltrigen zu sein und wird offenbar von den anderen akzeptiert, vor allem, weil sie bei den kleinen Raubzügen und anderen Dämlichkeiten mitmacht, mit denen die Klasse ihre Freizeit verbringt. Eine kleine Liebelei entwickelt sich, doch irgendwann kippt die Situation, und die unterdrückte Gewalt in der Gruppe richtet sich gegen Lena, den Eindringling.
 
Mit improvisierten Dialogen und einer verblüffend aktiven Kamera hält Twerdowskij seine Anklage gegen das russische Schulsystem fest: Hier werden Außenseiter in ihrer Rolle gleichsam zementiert. Was nach außen als guter Wille dargestellt wird, denn immerhin gibt es eine Integrationsklasse mit der zumindest theoretischen Chance auf einen regulären Schulabschluss, entpuppt sich letztlich als reine Makulatur. Die Außenseiter werden ab- und ausgegrenzt, und selbst die schlichtesten Gemüter unter ihnen müssen erkennen, dass sie nicht erwünscht sind. Wer aus der Reihe tanzen will, wird bestraft. Das gilt nicht nur für die Teens, sondern auch für die Lehrkräfte. Sie sind zumeist desinteressiert bis überfordert.
 
Twerdowskij zeigt in seinem Mikrokosmos die Entwicklung einer unbarmherzigen Gesellschaft. Hier geht es nicht um Bildung oder Zukunft, es geht ums Überleben, um den Kampf gegeneinander, der sich aus unterdrückten Aggressionen entwickelt. Psychologisch ist das hochinteressant, die filmische Umsetzung ist teilweise brillant, ein bisschen russisches Melodram, viel Tempo und vor allem eine allgegenwärtige Kamera. Sehr schön, aber … Am Ende wird aus Lena eine Art vergeistigter Engel. Vielleicht wollte Twerdowskij zum Schluss ein wenig Optimismus verbreiten, der hier allerdings angesichts der vorhergehenden Handlung kaum angemessen scheint. Zumindest gelingt es ihm, die Grausamkeit der Jugendlichen als logische Folge ihrer Unterdrückung darzustellen, und dadurch erschafft Twerdowskij ein Russlandbild, das für die Zukunft Böses ahnen lässt.
 
Gaby Sikorski