Liebe lieber indisch

USA/England 2004
Regie: Gurinder Chadha
Mit: Martin Henderson, Aishwarya Rai, Daniel Gillies, Anupam Kher, Naveen Andrews u.v.a.
112 Minuten
Verleih: Universum (Central)
Start am 18.8.05 

Mutter und Vater Bakshi sind nicht zu beneiden. Vier Töchter hat das im indischen Amritsar lebende Ehepaar noch unter die Haube zu bringen, eine hübscher wie die andere, und natürlich soll es in allen vier Fällen eine gute Partie sein. Turbulent wird es daher, als sich aus dem fernen Amerika indischstämmiger Besuch im nicht nur heiratsfähigen Alter, sondern auch mit einem prall gefüllten Geldbeutel ansagt. Bis alle glücklich sind dauert es jedoch eine gute Weile. Überbrückt wird sie mit bunten Tanz- und Singszenen – als Hommage an das indische Bollywoodkino eben.

Die Vermischung der Elemente des indischen mit jenen eines romantischen Hollywoodkinos ist beileibe nicht neu. Immer wieder sind es auch Regisseure und Regisseurinnen mit einer in beiden Kulturkreisen verwurzelten Biografie, die mit einer Verfilmung solcher multiethnischer Stoffe betraut werden. Hier nun ist es Gurinder Chadha, der zuletzt mit der Komödie „Kick it like Beckham“ ein großer Wurf gelungen war. Dass ausgerechnet ein Roman von Jane Austen als lose Vorlage diente, erscheint hinsichtlich der bekannten, auf alten Traditionen beruhenden Verheiratungsthematik überflüssig, macht sich aber in der Vermarktung sicher besser. Im Original heißt diese Vorlage „Stolz und Vorurteil“, für den englischen Filmtitel musste nur ein einziger Buchstabe geändert werden, um aus dem stolzen Titel „Pride and Prejudice“ die besser zur Brautschauthematik passende Überschrift „Bride and Prejudice“ zu machen.

Vorurteile gegenüber Indien, die hat der reiche Hotelerbe William Darcy (Martin Henderson aus „The Ring“), der seinem Freund Balraj (Naveen Andrews) als Trauzeuge zur Brautschau in den Punjab begleitet. Schlecht für ihn, dass er seine Voreingenommenheit während des kurzen Besuchs nicht ablegt. Bei Lalita, von der ehemaligen indischen Miss World Aishwarya Rai bezaubernd gespielt, tritt er wiederholt ins Fettnäpfchen und hat’s, als er endlich die gute Partie erkennt, doppelt schwer. Mehr noch, als Lalita während eines Ausflugs nach Goa den per Rucksack durch Indien reisenden Johnny Wickham (Daniel Gillies) kennen lernt. Wie’s der Zufall will ist er der Sohn einer früheren Bediensteten der Darcys, was alten Standesdünkel wieder zum Vorschein bringt und nun doch ein wenig auch Jane Austen durchblicken lässt. Aber man ahnt es ja schon recht früh: was sich irgendwann mal liebt, das neckt sich frühzeitig.

Der völlig trottelig auftretende Mr. Kholi (Nitin Ganatra), von der Clanmutter als williger Bräutigam eingeflogen, ist hingegen von vornherein als Witzfigur angelegt, über die sich das Schwesternquartett in einer der vielen bunten, teils auf englisch gesungenen Gesangs- und Tanzszenen lustig macht. In denen liefert Gurinder Chadha übrigens ein völlig überzogenes Bild von Indien ab. Zu offensichtlich werden Klischees hier bedient und dem westliche Markt die farbenfrohe exotische Welt eines Bollywood-Zoos serviert. Wer das Haus der Bakshis in Amritsar sieht würde im Traum nicht darauf kommen, dass die Familie, wie mehrfach angedeutet, arm sei oder es ihr an etwas fehlen würde. Armut sieht nun wirklich anders aus.

So bleibt am Ende doch nur der Eindruck, dass einmal mehr der Trend gewordene Lockruf von Bollywood über dieser mit britischen und US-Mitteln finanzierten Komödie steht, was auch die Verlegung der Handlungsorte auf beider westlicher Länder Boden erklärt. Immerhin aber bietet der kreuzbrav keusche Verheiratungsfilm „Liebe lieber indisch“ die Gelegenheit, sich an der wunderschönen Erscheinung von Aishwarya Rai zu erfreuen. Auf einen neuen großen Wurf à la „Kick it like Beckham“ im Sinne einer kulturkritischen Betrachtung multinationalen Lebens wird man im Fall Gurinder Chadhas noch warten müssen.

Thomas Volkmann

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Gurinder Chadha (“Kick it like Beckham”) lässt in ihrer jüngsten Komödie wieder westliche und östliche Befindlichkeiten aufeinander prallen. Diesmal hat sie Jane Austens “Stolz und Vorurteil” mit viel Schwung als Bollywood-Musical inszeniert. Aus Elizabeth wurde kurzerhand die schöne, intelligente Lalita, aus Mr Darcy ein schwerreicher Amerikaner, und aus Klassengrenzen inter-kulturelle Vorurteile. Die Transformation funktioniert erstaunlich gut und macht viel Spaß. Auch wer dem echten Bollywood-Musical nichts abgewinnen kann, sollte es mit “Liebe lieber indisch” ruhig versuchen, musikalische Einlagen sollte man allerdings schon mögen.

“Als ich begann, ihren Roman zu adaptieren, wuchs meine Überzeugung, dass Jane Austen in einem vorherigen Leben Inderin gewesen sein muss. Die Charaktere ließen sich mühelos übertragen und die Themen passten perfekt ins Indien der Gegenwart. Eine hysterische Mutter mit vier heiratsfähigen Töchtern – wer kennt das nicht?” beschreibt Gurinder Chadha die frappierende Ähnlichkeit zwischen den Familien- und Heiratsproblematiken der klassischen englischen Romane und der indischen Gegenwart, die bereits mehrere Filmemacher asiatischer Herkunft zu Adaptionen angeregt hat. 1995 verfilmte Ang Lee mit viel Gefühl für soziale Misstöne “Sinn und Sinnlichkeit”, 2004 folgte Mira Nairs farbenprächtige Fassung von “Vanity Fair”.

Die Regisseurin von “Kick it like Beckham” und “Bhaji on the Beach” geht mit “Liebe lieber indisch” noch einen Schritt weiter als ihre Kollegen und verpflanzt die Handlung des Austen-Klassikers “Stolz und Vorurteil” gleich ganz nach Indien. Lalita Bakshi, zweitälteste Tochter der verarmten Familie Bakshi aus Amritsar, ist hochintelligent und atemberaubend schön. Auf der Hochzeit einer Freundin lernt sie den schwerreichen Hotelier William Darcy aus den USA kennen. Während Lalitas Schwester und Darcys bester Freund einander schon bald schöne Augen machen, stößt die Liebesgeschichte der beiden Hauptpersonen auf Hindernisse. Mit seiner ironischen, distanzierten Art disqualifiziert sich Darcy in Lalitas Augen als arroganter Imperialist, während ihm der ganze Bakshi-Clan als berechnende Heiratsfalle erscheint. Erst nach erheblichen Umwegen und mehreren Wiederbegegnungen auf diversen Hochzeiten erkennen Lalita und Darcy ihre Fehleinschätzungen und finden zueinander.

Die Verwirrungen des Plots mit seinen Nebenhochzeiten und Familienkonflikten hat Gurinder Chadha unmittelbar von Jane Austen übernommen. Das Personal hat sie respektlos aktualisiert – so ist aus dem zwielichtigen John Wickham beispielsweise ein lässiger Rucksacktourist aus Goa geworden, der mit seiner Indophilie die Herzen der Bakshi-Mädchen bezaubert – und das ganze in das Format eines Bollywood-Musicals gepresst. Alle paar Szenen wird die Handlung von musikalischen Einlagen unterbrochen, wobei Musik und Tanz wie das ganze Projekt eine internationale Mischung darstellen. Ebenso gibt es regelmäßige komische Einlagen, um das Melodrama aufzulockern, keine Sexszenen, und selbstverständlich ein Happy End.

Die wilde Mischung funktioniert. "Liebe lieber indisch" ist ein beschwingtes Experiment, dem man den Enthusiasmus aller Beteiligten anmerkt. Und es ist ein Beispiel für eine gelungene internationale Koproduktion, die sich nicht auf finanzielle Notwendigkeiten oder internationale Absatzmärkte gründet, sondern aus dem Bedürfnis entstanden ist, gemischt-kulturelle Befindlichkeiten ebenso zu verfilmen.

Hendrike Bake