Limbo (2014)

Der Titel „Limbo“ spielt nicht auf den gleichnamigen Tanz, sondern auf die Redewendung „in Limbo“ an, die meint, dass sich etwas „in der Schwebe“ befindet. Vieles am elliptisch erzählten Langfilmdebüt der dffb-Absolventin Anna Sofie Hartmann bleibt nämlich genau dort. Nach der Premiere auf dem Filmfestival von San Sebastián durchlief der kleine Debütfilm den Festivalzirkus und startet nun in deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der Alltag einer dänischen Schülerin, die sich in ihre neue Lehrerin verliebt.

Webseite: http://peripherfilm.de

OT: Limbo
Deutschland, Dänemark 2014
Regie: Anna Sofie Hartmann
Darsteller: Sofia Nolsøe Mikkelsen, Annika Nuka Mathiassen, Sofia Nolso, Laura Gustavsen, Mike Hansen
Länge: 80 Min.
Verleih: Peripher Filmverleih
Kinostart: 24.09.2015
 

FILMKRITIK:

Die junge Sara (Annika Nuka Mathiassen) besucht das Gymnasium in der dänischen Hafenstadt Nakskov. Ihre beste Freundin findet die neu zugezogene Lehrerin Karen (Sofia Nolsøe) ziemlich merkwürdig, doch Sara sieht das anders. Im Unterricht hinterfragt Karen männliche und weibliche Stereotypen und diskutiert mit ihren Schülern die Macht des männliches Blicks oder den künstlerischen Anspruch von Pornografie. Über kurz oder lang verliebt sich Sara in ihre Lehrerin. Nachdem sie Karen zu Hause besucht hat, um ihr beim Streichen der neuen Wohnung zu helfen, gesteht Sara ihre Gefühle, die allerdings unerwidert bleiben.
 
Auf die Frage ihrer Freundin, worüber sich Sara und Karen beim Streichen unterhalten haben, antwortet Sara: „So Alltagssachen.“ Und damit trifft die junge Protagonistin auch eine wesentliche Aussage über „Limbo“ selbst. Anna Sofie Hartmann verweigert sich einer konventionellen Dramaturgie oder Spannungskurve und lenkt den Blick immer wieder auf scheinbare Nebensächlichkeiten und Randbegebenheiten. In langen, ungeschnittenen Einstellungen zeigt Hartmann den Arbeitsablauf in der örtlichen Zuckerfabrik, wo Lastkraftwagen tonnenweise Rüben abladen, oder lässt die Kamera lange aus einem fahrenden Auto heraus blicken. Selbst die wesentlichen Plot Points der Handlung erzählt Hartmann quasi nebenbei. Als Sara ihrer Lehrerin ihre Gefühle offenbart, geschieht das ohne Dramatisierung, ohne Musik, ohne von außen erzeugte Spannung, sondern einfach so und fast wie im echten Leben, könnte man meinen.
 
Dokumentarisch wirkt „Limbo“ dennoch nicht. Auch von den Improvisationen, wie sie derzeit etwa die Filmemacher des „German Mumblecore“ kultivieren, fehlt hier jede Spur. Anna Sofie Hartmann stilisiert den Alltag der beiden Hauptfiguren in klaren, streng komponierten Bildern und folgt einem ebenso klar strukturierten Drehbuch. Die elliptische Erzählweise setzt bewusst Leerstellen, die den Zuschauer zur eigenen Reflexion anhalten. So steuert der Debütfilm mit seinem entschleunigten Erzähltempo auf eine überraschende und unkonventionelle Wendung zu, die der Geschichte ganz unerwartet eine neue Perspektive verleiht. Gerade im Vergleich zu der Unmenge an deutschen Debütfilmen, die redlich um einen artifiziellen Anstrich bemüht sind und sich stattdessen in Plattitüden versteigen, erscheint der auf den ersten Blick sperrige „Limbo“ als Kleinod des heimischen Arthouse-Kinos. Hier zeugt nämlich jede einzelne Einstellung vom Stilwillen und der Intelligenz der Regisseurin, die genau weiß, was und wie sie erzählen und inszenieren will.

Christian Horn