Lion – Der lange Weg nach Hause

Kürzlich bemängelte eine isländische Aktivistin, dass ihr Heimatland bei Google Earth nicht vertreten ist, hierzulande aktualisiert Google den 2006 gelaunchten Internetdienst gar nicht mehr, weil es zu viele Einsprüche hagelte. Wie auch immer man zu der Software steht, die die Erde mit Satelliten- und Luftbildern in hoher Auflösung kartographiert und online „erfahrbar“ macht, ihre Nützlichkeit für Reiseplanungen und anderes ist offenkundig. Davon kann der Inder Saroo Brierley berichten, der als Kind verloren ging und sein Heimatdorf 20 Jahre später via Google Earth-Recherche wieder fand. Sein 2014 veröffentlichter autobiographischer Bestseller „A Long Way Home“ (dt.: „Mein langer Weg nach Hause“) dient nun dem eindringlichen Drama „Lion“ als Vorlage, das nach der Premiere beim Toronto Filmfestival 2016 vier Golden Globe-Nominierungen einheimste und als Mitfavorit bei der kommenden Oscarverleihung gilt. "Lion" ist ein berührender, angenehm klischeefreier und hervorragend besetzter Film über einen Menschen auf der Suche nach seinen Wurzeln.

Webseite: www.lion-film.de

Australien 2016
Regie: Garth Davis
Drehbuch: Saroo Brierley nach dem Roman von Luke Davies
Darsteller: Dev Patel, Rooney Mara, Nicole Kidman, David Wenham, Sunny Pawar, Abhishek Bharate, Priyanka Bose, Tannishtha Chatterjee
Laufzeit: 118 Min.
Verleih: Universum Film
Kinostart: 23. Februar 2017

FILMKRITIK:

1986, irgendwo in der indischen Provinz: Der 5-jährige Saroo (Sunny Pawar) und sein älterer Bruder Guddu (Abhishek Bharate) leben mit ihrer allein erziehenden Mutter Kamla (Pryanka Bose) in armen Verhältnissen. Damit die Familie überhaupt über die Runden kommt, müssen Saroo und sein Bruder tatkräftig mit anpacken. Einer ihrer Streifzüge führt sie nachts auf ein Bahngelände, wo Saroo in einem leeren Zugabteil einschläft. Zu seiner Verwunderung wacht er in der 1600 Kilometer entfernten Metropole Kalkutta auf. Den Namen seines Heimatorts kennt er nicht, das in Kalkutta gesprochene Bengali versteht er ebenso wenig wie die Städter seinen Hindi-Dialekt. Nach ein paar Wochen auf der Straße landet der Junge in einem zwielichtigen Waisenhaus, von wo ihn die australischen Eheleute Sue und John Brierley (Nicole Kidman & David Wenham) adoptieren und in Tasmanien großziehen.
 
25 Jahre später steht Saroo (Dev Patel) als gut integrierter Einwanderer kurz davor, in Melbourne ein Hotelmanagement-Studium anzutreten und führt eine Beziehung mit der Australierin Lucy (Rooney Mara). Aus heiterem Himmel brechen Erinnerungen an seine Kindheit hervor und Saroo entwickelt den Wunsch, seine verlorene Familie wieder zu finden. Mit den spärlichen Erinnerungen an sein Heimatdorf recherchiert er mit der neu veröffentlichten Internet-Software Google Earth. Auf obsessive Weise durchforstet Saroo Ausdrucke von Luftaufnahmen und sorgt sich zugleich, die Gefühle seiner Pflegeeltern zu verletzen.
 
Ganz so wie David Finchers brillantes Charakterdrama „The Social Network“ schnell den Stempel Facebook-Film verpasst bekam, kann „Lion“ mit seiner positiven Darstellung der Google Earth-Software den Verdacht von unlauterer Werbung erregen, zumal der Australier Garth Davis vor seinem Langfilmdebüt Werbespots inszenierte. Mit passend besetzten Darstellern und einer stringenten Inszenierung gelingt Davis jedoch ein nachdenkliches Wohlfühldrama, das Interesse für die Figuren und Themen wie Herkunft und Identität ernsthaft behandelt. Am Ende verweist dokumentarisches Material auf die wahre Lebensgeschichte des Inders Saroo Brierley, die hier mehr im Vordergrund steht als die technischen Innovationen des Google-Konzerns.
 
Die Drehbuchadaption von Luke Davies teilt das Biopic in zwei klar voneinander Hälften, die Volker Bertelmann („The Boy“) und Dustin O’Halloran („Umrika“) mit einem jeweils eigenen Score untermalen. Der erste Teil zeigt die Welt aus der Perspektive des 5-jährigen, starrköpfigen Saroo, für dessen Darstellung sich der sehr einnehmende Kinderdarsteller Sunny Pawar als exzellente Wahl erweist. Ein Höhepunkt sind die Szenen in Kalkutta, wo die Orientierungslosigkeit des verwirrten Jungen umstandslos auf das Publikum einprasselt, wenn der „Zero Dark Thirty“-Kameramann Greig Fraser das Chaos auf den Straßen in hektischen Bildern einfängt.
 
Die zweite Filmhälfte fällt im Vergleich zur ersten introvertierter aus. Hier steht Saroo – nun von Dev Patel aus „Slumdog Millionär“ dargestellt – und die Sehnsucht nach seiner Familie im Mittelpunkt. Die Bildsprache verortet den Adoptivsohn immer wieder als Mann zwischen zwei Kulturen, indem sie Kontraste, aber auch Parallelen zwischen Indien und Australien aufmacht. Etwas schade ist, dass die kleine Rolle der aus „Verblendung“ und „Carol“ bekannten Rooney Mara allein in Bezug auf die Hauptfigur funktioniert. Unterentwickelt ist auch der Nebenplot um den zweiten Adoptivsohn der Brierleys (Divian Ladwa), der sich als Traumatisierter selbst verletzt. Bleibenden Eindruck hinterlässt hingegen Nicole Kidman in ihrer herrlich unglamourösen Rolle als liebevolle Adoptivmutter. Als Kontrapunkt zu den Hollywoodstars besetzt Davis die Dorfbewohner mit Laiendarstellern, die tatsächlich in der indischen Provinz leben.
 
Garth Davis umschifft fast alle Kitschfallen und Klischees, die dem Plot innewohnen. Zwar ist die Musik gelegentlich zu rührselig und das Finale gefühlsduselig, doch die kompetente Inszenierung wiegt die ein oder andere erzählerische Sackgasse auf.
 
Christian Horn

Die besten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Eine solch starke Story ist jene des kleinen Jungen, der am Bahnhof vergessen wird. Nach einer Odyssee durch halb Indien landet der Knirps im Heim. Wird von einem Paar in Australien adoptiert. Und macht sich 20 Jahre später auf die Suche nach seiner leiblichen Familie. Gelungenes Gefühlskino, das die richtigen Knöpfe drückt, ohne zu dick aufzutragen. Das konventionelle Strickmuster samt sattem Klangteppich sowie ein paar Kitsch-Kalorien können in diesem Genre getrost durchgehen. Überragend ist ein fünfjähriger Kinderdarsteller, der selbst einer überzeugenden Nicole Kidman locker die Show stiehlt. Bei den Oscars dürfte dieser Löwe laut brüllen – nicht zuletzt, weil Hollywood-Schwergewicht Harvey Weinstein hier als Dompteur fungiert.

Der fünfjährige Saroo (Sunny Pawar) lernt früh, was bittere Armut bedeutet. Weil die paar Rupien, welche die alleinerziehende Mutter mit Steineklopfen verdient, nicht reichen, entert der Knips mit seinem älteren Bruder waghalsig fahrende Güterzüge, um mit ein paar geklauten Kohlen die klamme Haushaltskasse aufzubessern. Die Geschwister sind ein Herr und eine Seele. Dann geschieht das Unglück. Bei einem ihrer nächtlichen Raubzüge wird das Duo in einen Bahnhof getrennt. In seiner Panik steigt der kleine Saroo in den nächstbesten Zug – der ihn ohne Halt in das 1.600 Kilometer entfernte Kalkutta bringen wird. Orientierungslos landet der verzweifelte Junge auf der Straße. Eine freundliche Frau nimmt sich seiner an, gibt ihm zu essen und einen Schlafplatz. Doch die Helferin führt Böses im Schilde. In letzter Minute flüchtet Saroo instinktiv vor der höchst bedrohlichen Situation.
 
Nach einer bitteren Odyssee als Straßenkind landet der kleine Held schließlich in einem Heim. Besser gesagt: Einer tristen Verwahranstalt, in der die Betreuer mit Schlagstöcken unterwegs sind. Doch das Schicksal wendet sich. Ein wohlhabendes Paar aus Australien adoptiert den Knirps. Dort erwartet ihn eine unbeschwerte Kindheit. Doch zwanzig Jahre später macht sich Saroo (nun gespielt von „Slumdog Millionär“-Star Dev Patel) plötzlich Gedanken über seine Identität. Wie besessen begibt er sich auf die Spurensuche nach seiner Herkunft, an die er kaum noch Erinnerungen hat. Mit Hilfe von Google Earth-Karten versucht er, den Ort seiner Heimat ausfindig zu machen. Das große Puzzle scheint schier unauflösbar. Aber schließlich gibt das Schicksal einen entscheidenden Hinweis.
 
Der für seine Werbefilme mehrfach prämierte Australier Garth Davis gibt mit diesem starbesetzten Melodram seinen nicht minder preisverdächtigen Kinoeinstand. Die Clip-Vergangenheit ist dem visuellen Konzept des Melodrams deutlich anzumerken. Gleich zum Auftakt wird der kleine Held von einem Schwarm gelber Schmetterlinge umringt. Als er später in der großen Stadt verloren geht, schillert der bedrohliche Moloch in unheilschwangeren Gelbtönen, die fast surreal wirken. Dramaturgisch erweist sich Davis gleichfalls als überaus effizienter Geschichtenerzähler. Die Begegnung des Jungen mit seinem vermeintlichen Retter dauert keine Minute, und erzeugt doch nachhaltige Gänsehaut. Umgekehrt gerät die Zufallsbekanntschaft mit einem Unbekannten zur Kino-Poesie à la Chaplin: Durch das Fenster eines Restaurants beobachtet der hungrige Saroo, wie ein Gast seine Suppe löffelt. Verspielt ahmt er die Mahlzeit auf der Straße nach. Pantomime macht zwar nicht satt, immerhin öffnet sie das Herz des Fremden. Diesen Effekt löst der 6-jährige Kinderdarsteller Sunny Pawar mit Leichtigkeit auch beim Kinopublikum aus. Freude, Angst, Verzweiflung, Trotz – dieser unter 4.000 Bewerbern ausgewählte Knirps beherrscht die emotionale Klaviatur mit Bravour. Immer wieder muss er drohendem Unheil davonrennen. Wobei diesem Mini-Marathonläufer weder die Energie noch die Hoffnung je zu schwinden scheint.
 
Gegen die mühelose Natürlichkeit der Kinder-Konkurrenz haben Schauspielprofis gemeinhin keinen leichten Stand. Nicole Kidman indes überzeugt, ihr gelingt der emotionale Balanceakt der fürsorglichen Adoptivmutter, die ihr Kind verlieren wird, mit großer Glaubwürdigkeit, Tränen-Szenen inklusive. Ihr Film-Gatte David Wenham hat es dagegen schwer, seine Rolle bleibt blass. Ein Schicksal, das er mit Rooney Mara teilt, die als Freundin des erwachsenen Saroo ihr wahres Talent kaum unter Beweis stellen kann. Der leinwandpräsente Dev Patel hat es da einfacher mit seiner Figur, die zunehmend zwischen zwei Welten zerrissen ist.
 
Patels Löwenmähne hat mit dem Titel übrigens nichts zu tun, dessen wahre Bedeutung erfährt man erst zum Abspann. Dort gibt es als Zugabe auch Sequenzen mit den realen Figuren dieser wahren Geschichte. Als Kontrast zu diesem Happy End folgt per Texttafel eine bittere Wahrheit: 80.000 Kinder pro Jahr gelten in Indien als vermisst.
 
Dieter Oßwald