Lost and Found

D/ Bosnien-Herzegowina/ Bulgarien/ Estland/ Rumänien/ Serbien-Montenegro / Ungarn 2005
6 Kurzfilme
R: Mait Laas, Nadejda Koseva, Christian Mungiu, Jasmila Zbanich, Kornél Mundruczó, Stefan Arsenijevic
D: Milena Dravic, Orsolya Tóth, Zsolt Trill, Radivoj Knezevic, Ana Ularu, Valentin Popescu u.v.a.  Format: 35 mm, 1:1,85
L: 99 Min.
Verleih: KurzFilmAgentur Hamburg
Kinostart: 12.1.2006

Fünf junge Regisseure aus Ost- und Mitteleuropa zeigen, dass junge Menschen rund um die Welt eben doch nicht die gleichen Liebesprobleme, Ambitionen, Sorgen und Computer haben. Ihre Auseinandersetzungen mit Tradition und Autorität fallen jedesmal erfrischend anders aus. Die europäische Kompilation aus sechs Kurzfilmen gehörte zu den Publikumslieblingen der Berlinale 2005.

Die Sehnsucht nach einer überschaubaren, kleinen Idylle war auf der letzten Berlinale im Februar 2005 begehbar gemacht worden: In der Rauminstallation „4 Kitchens“, die Meggie Schneider im Foyer des Arsenal-Kinos eingerichtet hatte.  Die Piefigkeit von 50er-Jahre-Resopal-Küchenmöbeln viele Meter unter der futuristischen Glocke des Sony Centers lud etliche trendbewusste Besucher zum Verweilen ein.  Auf diese Weise stimmten sie sich schon einmal perfekt ein auf die Ausstattung, die sie in „Lost and Found“ erwartete. Natürlich wurde hier nicht nur mit dem Mobiliar ein Gegengewicht zur globalen Seelenlosigkeit geschaffen. Es waren auch die meistens sehr emotionalen und mit viel Lokalkolorit geprägten Zugänge, mit denen die Loslösungsprozesse von der Vergangenheit und von alten Ritualen beschrieben wurden: mal voller Schwere, mal voller Leichtigkeit oder auch als offener Konflikt wie in „Birthday“. 

Hier erzählt die 1974 in Sarajewo geborene Jasmila Zbanich von zwei 11jährigen Mädchen in Mostar, die eine wurde im reichen Westen geboren, die andere, die politische sehr viel Interessiertere, im armen Osten der Stadt. Früher lernten die Kinder, dass die Vögel nur für Tito sangen, heute singen sie „Wir haben Internet, wir sind die Seele der Nation“. Inwieweit die neue Indoktrination greifen wird, bleibt in der Schwebe.

Härter ergeht es dem bunt bekopftuchten Landmädchen, das seinen Lieblingstruthahn, dem es gerade eine Zeichensprache eingetrichtert hat, schlachten lassen muss, um mit dem Geflügel den Arzt zu bestechen, der in einem verwahrlosten Krankenhaus, die todkranke Mutter operieren soll. Tiefe Traurigkeit, leuchtende Farben und ein bisschen Verliebtheit prägen den Beitrag „Turkey Girl“ des rumänischen Regisseurs Christian Mugiu. Und viel, viel Mitgefühl.

Richtig depressiv geht es zu in „Shortlasting Silence“ aus den Händen des Ungarn Kornél Mundruczo. Ein inzestuöses Geschwisterpaar trauert in einem abgelegenen Haus um die im Nebenzimmer aufgebahrte tote Mutter. Die schöne Tochter ist völlig verstummt, der Sohn, beruflich Psychiater, spielt mit seiner Modelleisenbahn. Draußen regnet es in Strömen, drinnen trieft die Nachdenklichkeit und Befangenheit förmlich von der Decke, naja.

Immer noch ein bisschen beschwerlich, insgesamt aber viel fröhlicher feiert eine bulgarische Familie die Hochzeit des Sohnes im Garten, mit Nachbarn, Kuchen, großer Tafel und allem, was bei einer Dorfhochzeit dazugehört – ausser dem Sprößling selbst und seiner Braut! Die stehen nämlich an den Niagara-Fällen und sind nur über das große altmodische Telefon präsent. In „Ritual“ unterstreicht die Bulgarin Nadejda Koseva den Begriff von der „Heimat im Herzen“ auf kurios-melancholische Weise.

Noch abstrakter und buchstäblicher geht der Estländer Mait Laas den Bruch zwischen den Generationen in seinem Animationsfilm „Gene+Ratio“ an. Hier geht  ein Streichholzmännchen auf eine fantastische Reise, um die nächste Generation in die Welt zu locken.

Den beherztesten und amüsantesten Beitrag liefert Stefan Arsenijevec aus Serbien-Montenegro, der 2003 schon auf der Berlinale für seinen Kurzfilm „(A)torzija“ ausgezeichnet wurde. In einer Belgrader Straßenbahn muss sich die blonde Vera erst mit den Auswanderungsplänen ihrer Tochter, mit ihren eigenen verpassten Chancen, ihrer Wehmut, unverschämten Fahrgästen und schließlich mit dem Lenken, bzw. Bremsen des Gefährts selbst befassen, denn der Straßenbahnlenker hat einen Herzanfall erlitten. Wie sie zur Heldin des Tages, der Herzen und eines Polizeibeamten  wird, ist in jeder Hinsicht bewegend und schlichtweg brillant erzählt. Mit „Wunderbare Vera“ erreicht Arsenijevec eine Innigkeit wie der Film „Central do Brasil“ und spielt gleichzeitig mit einer Komik à la Tarantino. Etwa wenn der Polizeibeamte im Dienstwagen seine Stickerei-Arbeit aus der Hand legt und argwöhnt: „Die sagen gerade, eine Straßenbahn sei entführt wurden. Oder werden wir wieder verarscht?“  

Kurzfilm-Kompilationen können manchmal in ihrer Hin-und Herhüpferei ermüden, hier hingegen geht die Mischung voll auf. „Lost and Found“, entstanden aus einer Initiative der  Kulturstiftung „relations“, brachte übrigens 5 Teilnehmer des Berlinale Talentcampus 2004 zusammen. Man wünscht sich mehr aus dieser Richtung.

DOROTHEE TACKMANN