Made in England: Die Filme von Powell & Pressburger

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Lange waren sie vergessen, inzwischen zählen sie zu den anerkannten Größen der britischen Filmgeschichte: Michael Powell und Emeric Pressburger. In seinem Dokumentarfilm „Made in England: Die Filme von Powell & Pressburger“ zeichnet David Hinton die Karriere des Duos nach und hat dabei prominente Unterstützung: Martin Scorsese, langjähriger Freund Powells, fungiert als Erzähler, der die filmhistorische Bedeutung des Duos mitreißend einordnet.

GB 2024
Regie: David Hinton
Dokumentarfilm

Länge: 131 Minuten
Verleih: MUBI
Kinostart: 20. Juni 2024

FILMKRITIK:

Nicht nur als Regisseur ist er eine Legende, seit Jahren nutzt Martin Scorsese seine Bekanntheit auch dafür, vergessene Filme und Regisseure der Filmgeschichte zu beleuchten und allein auf Grund seiner Reichweite für ihre Wiederentdeckung zu sorgen. Eines seiner größten Verdienste ist es dabei, dem englischen Regisseur Michael Powell zu neuem Ruhm verholfen zu haben.

Mitte der 70er Jahre, als Martin Scorsese mit „Hexenkessel“ seinen Durchbruch schaffte, ein paar Jahre später für „Taxi Driver“ mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, war Michael Powell fast in Vergessenheit geraten. Die Zusammenarbeit mit Emeric Pressburger war vorbei und sein inzwischen als visionär, damals aber als abstoßend wahrgenommener Psycho-Thriller „Peeping Tom“ hatte Powell zum Paria werden lassen, der einsam auf dem englischen Land lebte und Tee trank. Bis ihn Scorsese, sich mit ihm anfreundete und für den finalen Akt seines Lebens nach New York holte.

Eine Freundschaft mit langem Vorlauf, denn Powells Bilder kannte Scorsese seit seiner Kindheit. Auf einem kleinen schwarz-weißen Fernseher, so erzählt es Scorsese in seiner typischen, mitreißenden Art, hatte er die Filme von Powell und Pressburger entdeckt, besonders die Operette „Hoffmanns Geschichten“ hinterließ einen bleibenden Einfluss und prägte mit ihrem Zusammenspiel von Bildern und Musik die späteren Filme Scorseses, in denen immer wieder Pop-Songs oder klassischer Musik eingesetzt wurden.

Doch auch Powell und Pressburger begannen nicht auf diesen filmischen Höhen. Ihre ersten Filme waren im kargen schwarz-weiß gedreht, erzählten kleine, intime Geschichten. Ein ungewöhnliches Duo waren die Beiden: Powell, ein aus der Arbeiterklasse stammender Brite, Pressburger ein distinguierter Ungar, der nach England migriert war; Powell der in die weite Welt strebende Lebemann, ein extrovertierter Regisseur, Pressburger ein eher introvertierter Intellektueller, der für die Drehbücher verantwortlich war.

Während des Zweiten Weltkriegs begann der Ruhm des Duos, der von Anfang an nicht unumstritten war. Denn zu einer Zeit, als die Nation und auch ihr Premier Winston Churchill nach oft eher schlichten Propagandafilmen verlangte, versuchten Powell und Pressburger differenzierte Filme zu drehen, in denen auch deutsche Figuren runde, ambivalente Charaktere waren.

Später entstanden in strahlendem Technicolor gedrehte Melodramen wie „Irrtum im Jenseits“, „Schwarze Narzisse“ und „Die roten Schuhe“, deren Qualitäten Scorsese mit fast kindlichem Enthusiasmus beschreibt. Besonders wenn direkte Bezüge zwischen den Filmen von Powell und Pressburger zu Scorseses Filmen aufgezeigt werden, wird die Dokumentation zu einer Lehrstunde in Filmsprache. Vor allem aber ist „Made in England: Die Filme von Powell & Pressburger“ eine berührende Ode eines großen Regisseurs an einen langjährigen Freund, eine lebenslange filmische Inspiration. Ein mitreißender Dokumentarfilm, der am Ende Lust macht, all die wunderbaren Filme von Powell und Pressburger möglichst bald noch einmal –  oder zum ersten Mal – zu sehen.

 

Michael Meyns