Mamacita – Es ist nie zu spät zu vergeben

Mamacita ist eine gepflegte, weit über 90-jährige, schwer reiche Frau, die ein mexikanisches Beautycenter-Imperium gründete. Sie steht im Mittelpunkt der bewegenden Dokumentation „Mamacita“, die hinter die Kulissen von Luxus, Besitz und Schönheit blickt. Es entsteht das Porträt einer exzentrischen, innerlich zutiefst zerrissenen Person, die bis heute die eigene Familiengeschichte und ihre persönlichen Traumata nicht überwunden hat.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Dokumentation
Deutschland, Mexiko 2018
Regie: José Pablo Estrada Torrescano
Länge: 75 Minuten
Kinostart: 27. Juni 2019
Verleih: Real Fiction

FILMKRITIK:

José Torrescano widmet sich in diesem sehr persönlichen Film dem schillernden Leben seiner Großmutter, seiner „Mamacita“. Diese schuf aus dem nichts ein riesiges Beauty-Unternehmen, das dank geschickter Selbstvermarktung und der Mischung aus angebotenen Hautstraffungskuren sowie Psychotherapie ungemein erfolgreich wurde. Der Firma widmete die achtfache Mutter ihr ganzes Leben. Nach Jahren der Abwesenheit kehrt Torrescano nun zu seiner Großmutter zurück und beobachtet sie in ihrem Alltag. Bald entdeckt er nicht verarbeitete Familiengeheimnisse, die noch heute das Leben der mexikanischen Großfamilie prägen.

Bevor Torrescano für sein Filmstudium die Heimat Richtung Europa verließ, versprach er seiner Großmutter, eines Tages einen Film über sie zu drehen. Mit „Mamacita“ löste er dieses Versprechen ein. Normalerweise lebt und arbeitet der 38-jährige in Düsseldorf als Filmemacher, Redakteur und Kameramann. „Mamacita“ ist sein erster abendfüllender Film.

Es ist eine extravagante Welt, in die der Regisseur hier gleich zu Beginn eintaucht. Als Herrin ihres üppig ausgestatteten und Schloss-ähnlichen Anwesens, führt die 95-jährige Mamacita ein Leben in Glamour und Luxus. In jedem Zimmer befinden sich prachtvolle Deko-Elemente und Gegenstände, darunter sündhaft teure Porzellanfiguren, Vasen sowie riesige Selbstporträts. Hinzu kommen einige Hausangestellte, darunter Diener, Gärtner, Chauffeure Krankenschwestern, die sich um alle Belange der alten Dame kümmern.

Dies alles macht deutlich: Bei Mamacita handelt es sich um eine Frau, die stolz ihre Besitztümer präsentiert und zeigt, was sie sich selbst erarbeitet hat. Aber der oberflächliche Glanz und der ganze Prunk des gewaltigen Anwesens sollen ebenso von den inneren Seelenqualen ablenken. Seit jeher war bei ihr der Schein wichtiger als das Sein und da ergibt es im Nachhinein natürlich Sinn, dass Mamacita ausgerechnet ein Beauty-Unternehmen ins Leben rief. Sie bewegt sich damit in einem Geschäftsfeld, in dem es um makelloses, perfektes Aussehen geht, um das Aufrechterhalten der Fassade, den Kampf gegen das Altern und die eigene Vergänglichkeit.

Als Enkel der Porträtierten hat Torrescano den Vorteil, Mamacita ungemein nah zu kommen und mit ihr innige, sehr intime Gespräche zu führen. Im Laufe dieser Unterhaltungen ergibt sich für den Zuschauer allmählich das Bild eines widersprüchlichen, zutiefst verletzten Menschen, der zeitlebens auf der Suche nach zwei Dingen war: Liebe und Bestätigung.

Die Gründe dafür liegen lange zurück. Doch sobald man als Betrachter davon erfährt, entwickelt man auch Verständnis und Mitgefühl für die teils sehr dominant auftretende Frau, die mir ihren Bediensteten nicht gerade zimperlich umgeht und unter heftigen Stimmungsschwankungen leidet. Torrescano begegnet all dem angenehm unvoreingenommen und vorurteilsfrei. Und: Er lässt sich vom divenhaften, verschrobenen Verhalten seiner Großmutter nicht aus der Ruhe bringen.

Eine gute Entscheidung war es, an passenden Stellen ausgewählte Ausschnitte alter, privater Familienaufnahmen in den Film einzubauen. Viele stammen aus den 80er-Jahren und offenbaren Verhaltensweisen und Charakterzüge, die sich bei Mamacita über 30 Jahre später (nämlich bei Entstehung des Films) exakt so wiederfinden. Ganz und gar herzerwärmend und versöhnlich ist das Schlussbild, das Enkel, Großmutter und die Hausangestellten dabei zeigt, wie sie sich Mamacitas lange erträumten Film ansehen. Ihr großer Wunsch wurde Wirklichkeit.

Björn Schneider