Man on Wire

Am 7. August 1974, kurz vor Fertigstellung des damals höchsten Gebäudes der Welt, balancierte der Franzose Phillippe Petit auf einem Drahtseil zwischen den Türmen des World Trade Centers. Vorbereitung und Durchführung der riskanten Aktion sind Thema von James Marchs Dokumentarfilm, der es in seinen besten Momenten schafft, die Faszination des Drahtseilakts einzufangen. Ein interessanter Film, der bisweilen allerdings arg dick aufträgt.

Webseite: www.manonwire.de

Dokumentation. Großbritannien 2008
Regie: James March
Buch: James March, nach dem Buch „To Reach the Clouds“ von Phillippe Petit
Kamera: Igor Martinovic
Schnitt: Jinx Godfrey
Musik: Michael Nyman, J. Ralph
Länge: 94 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Arsenal
Kinostart: 22. Januar 2008

PRESSESTIMMEN:

 

Dokumentarfilm über einen illegalen "Drahtseilakt": 1974 gelang es dem französischen Artisten Philippe Petit, auf einem Stahlseil zwischen den Türmen des World Trade Center den Behörden buchstäblich auf der Nase herumzutanzen. Kongenial ergänzt durch die Musik von Michael Nyman, rekonstruiert James Marsh den spektakulären Coup in einem Abenteuerdokumentarfilm, der zugleich poetisches Manifest und Porträt eines charismatischen Träumers ist.
film-dienst

Ein Dokumentarfilm der Superlative mit der Dynamik eines Hollywood-Thrillers, der uns emotionale Grenzen des wahren Lebens zeigt und unvorstellbare Höhen erreicht.
The Times

MAN ON WIRE ist großartiges Kino – eine Hommage an einen Traumtänzer und das Objekt seiner Begierde. Das zeigt Regisseur James Marsh mit beeindruckenden Bildern der Twin Towers vom ersten Höhepunkt ihrer Geschichte.
Kulturzeit 3sat

Schönheit, Begeisterung, Wahnsinn. Und alles ist wirklich passiert! Absolut fesselnd! Wir Kinozuschauer erleben noch einmal gemeinsam dieses Abenteuer – und unser Tag ist anschließend um ein kleines Wunder und wunderschöne Bilder reicher.
Financial Times

FILMKRITIK:

Im Nachhinein mutet es wie eine vollkommen verrückte, halsbrecherische Idee an: Zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers, in einer Höhe von 417 Metern, bei oft böigem Wind, auf einem schmalen Drahtseil zu balancieren. Der französische Amateur-Artist und Jongleur Philippe Petit hatte diese Idee schon Jahre vor der Fertigstellung der damals höchsten Gebäude der Welt. 1968 saß er beim Zahnarzt im Wartezimmer und sah in einem Magazin eine Skizze der Türme. Eine zunächst unerfüllbare Vision machte sich in seinen Gedanken breit, wie Petit anschaulich erzählt. 

Der begnadete Selbstdarsteller steht im Mittelpunkt von James Marshs Film, der Planung und Ausführung des Stunts minutiös nachzeichnet. Dabei greift er auch auf die heutzutage wohl unvermeidlichen Nachstellungen zurück, die in diesem Fall besonders unnötig wirken. Angesichts der flamboyanten Persönlichkeit Petits, der die geradezu konspirative Vorbereitung, die ständige Gefahr der Entdeckung mit expressiver Mimik und Gestik vorträgt, hätte man getrost auf betont dramatisierende Großaufnahmen von angehenden Feuerzeugen oder den Schritten des Wachpersonals verzichten können. Hier zeigt sich die größte Schwäche Marchs, der den Eindruck erweckt, seinem Material nicht zu vertrauen. Als wären die bloßen Fakten der Geschichte nicht aufregend genug, wird jeder Auftritt von Zeitzeugen mit extremen Licht und Schatten Effekten eingeleitet, praktisch jeder Moment des Films von bisweilen bombastischer orchestraler Musik unterlegt, die den Stilmitteln des offensichtlichen Vorbildes Errol Morris in Nichts nachstehen.

Besonders verwunderlich erscheint die Entscheidung für umfangreiche Nachstellungen angesichts des reichhaltigen Dokumentarmaterials, das augenscheinlich zur Verfügung stand. Auf wunderbar altmodischem 8mm-Material sind da Petit und seine Freunde zu sehen, wie sie im heimischen Garten üben, im Wohnzimmer den Plan entwerfen, voller Enthusiasmus über Wege nachdenken, die Sicherheitsvorkehrungen des World Trade Centers zu umgehen oder sich in Sydney zu einer Art Testlauf einfinden. Dort war es nur eine Brücke, zwischen deren Pfeilern Petit balancierte, aber auch hier ist die Polizei schnell vor Ort. Und auch in New York schnappen sofort nach Beendigung des Stunts die Handschnellen zu, tragen die Polizisten wohl aus Mangel an Bezeichnungen für so ein außergewöhnliches „Vergehen“ einfach nur „Man on Wire“ ins Verhaftungsprotokoll ein. 
Doch die Publicity, die Petit mit seinem 45 minütigen Tanz über Manhattan erlangt hat, kommt ihm zu Gute, er wird unter der Auflage freigelassen, für die Kinder New Yorks eine Gratisvorführung zu geben. Es ist der passende Abschluss eines Husarenstücks, das Eingang in die Geschichte New Yorks gefunden hat. 

Zum funfjährigen Gedenken des elften Septembers (der im Film übrigens mit keinem Wort erwähnt wird) setzte das Intellektuellenmagazin „The New Yorker“ eine Zeichnung auf das Titelbild, das einen Hochseilartisten zeigte, der im Nichts über der Stelle balancierte, an der einst das World Trade Center stand.

Michael Meyns

Sie haben es mit gefälschten Papieren in das Innere des World Trade Centers geschafft und konnten heimlich fast eine Tonne Ausrüstungsgegenstände in den Frachtaufzug laden – das Ziel einer generalstabsmäßig geplanten Aktion. Doch diese Typen wollten nichts Böses, sie hatten wahrlich Höheres im Sinn. Am 7.August 1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit auf einem Seil zwischen den beiden Twin Towers. Ohne Netz und doppelten Boden tanzte er über den Straßen von New York. Erst eine dreiviertel Stunde später wurde sein illegaler Drahtseilakt beendet, Petit landete im Gefängnis. 

Der Dokumentarfilmer James Marsh rekonstruiert mit gleichsam kriminalistischem Interesse, wie dieser grandiose Coup eingefädelt und ausgeführt wurde. Er befragt die damals Beteiligten, zeigt Originalaufnahmen, mischt historische Dokumente und nachgestellte Szenen und kocht das alles mit dem höchst suggestiven Soundtrack von Michael Nyman auf. 

Spannend wie ein Thriller wird die unglaubliche „I have a dream“-Geschichte eines faszinierenden Phantasten erzählt. Mit Krücken, so verrät der Artist, erspare man sich bei hilfsbereiten Sicherheitsleuten meist das lästige Vorzeigen eines Ausweises (den man gar nicht besitzt). Als Journalist getarnt öffnen sich viele Türen. Mit Pfeil und Bogen schließlich lassen sich leicht die Komplizen auf dem anderen Turm erreichen – wäre da nur nicht der widrige Wind und der lästige Zeitdruck. Mit seinem atemberaubenden Abenteuer wurde Petit über Nacht zum weltweiten Medienstar, zum Popstar der Lüfte. Die Dokumentation lässt einen auf verblüffend unterhaltsame Weise teilhaben, wie dieser sympathischer Spinner sich den Traum seines Lebens erfüllt. Da Capo! Selbst der Cop räumt bei der Festnahme ein: „Das sieht sonst keiner, das gibt’s nur einmal im Leben“.

Dieter Oßwald

 

Keineswegs ist es übertrieben zu sagen, dass es einen solchen Film nur einmal im Leben geben kann. Denn er rekonstruiert ein Geschehen, das wirklich absolut einmalig ist. Das Gezeigte wirkt derart unglaublich, verrückt und faszinierend, dass einem der Mund offen bleibt.

Im August 1974, kurze Zeit nach der Fertigstellung der beiden Türme des World Trade Center, spannte der Franzose Philippe Petit mit einer Handvoll Helfern ein riesiges Drahtseil vom Nordturm zum 60 Meter entfernten Südturm und balancierte in 460 Metern Höhe 44 Minuten lang zwischen den beiden Gebäuden hin und her. Er legte den Weg achtmal zurück, kniete auf dem Seil, legte sich darauf und hatte für die herbeigerufene Polizei nur ein Lächeln übrig. Auf der Straße sammelte sich mit der Zeit eine Menschenmenge an, die aus dem Staunen nicht heraus kam.

Natürlich wurde Philippe Petit festgenommen, Psychiatern vorgeführt, dann aber vor jeder Strafe bewahrt, sogar belohnt. Mit einem Schlag rissen sich unzählige Zeitungen um ihn.

Unendlich lange hatten die Vorbereitungen gedauert. Es galt die geeigneten Freunde und Helfer zu finden, immer wieder zu planen und zu trainieren, die Gerätschaften zusammenzustellen, zu beraten, zu streiten, in den USA „Komplizen“ zu treffen, sich falsche Identitätspapiere zu beschaffen, ins streng kontrollierte World Trade Center einzudringen, die Wachmannschaften zu umgehen, stundenlang zu warten und dann endlich am 7. August 1974 den Coup zu starten.

Mit Interviews aller Beteiligten, mit Archivaufnahmen, mit nachgestellten Szenen, mit der Schaffung der richtigen Atmosphäre und Spannung gelang den englischen und französischen Herstellern ein auch filmisch geglücktes Stück. So etwas kann es nicht mehr geben.

Zwar zerbrachen einige Freundschaften an der übergroßen Belastung des hier Gewagten, und Philippe Petit, so heißt es, sei nach der New-York-Sache ein anderer Mensch geworden. (Schon zuvor hatte er in Paris und Sydney schier für unmöglich gehaltene Drahtseil-Kunststücke vollführt.)

Für den Zuschauer aber bleibt ein außergewöhnliches, erstaunliches, verrücktes und einzigartiges Kinoerlebnis.

Thomas Engel