Man Who Copied, The

Brasilien 2003
Regie: Jorge Furtado
Darsteller: Lázaro Ramos,  Leandra Leal, Luanna Piovani, Pedro Cardoso
Verleih:
Start: 28.7.2005
Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Länge: 123 Min.

Eigenwillige Sozialstudie, romantische Komödie und Gangstergroteske. Die Geschichte des armen Brasilianers André, der sich sein Wissen und den Weg zum Glück am Fotokopierer beschafft, ist eine gelungene Collage voller Bildwitz. Ein vergnügliches Puzzle über Glücksritter, deren fragmentierte Weltsicht zu kuriosen Resultaten führt.

Die südbrasilianische Industriestadt Porto Alegre hat ungefähr soviel Glamour  wie Gelsenkirchen und kaum bessere Arbeitsperspektiven. Kein Wunder, dass sich Leute wie der 20-jährige André in Träumereien flüchten. Die ungelernte Arbeitskraft bedient in einem Schreibwarengeschäft den Kopierer und kassiert dafür einen Hungerlohn. Für seinen größten Schatz, sein Fernrohr, musste er ein Jahr lang sparen. Jetzt sitzt er abends in seinem Zimmer, hört wie die Mutter vor dem Fernsehen einschläft und beobachtet mit dem Glas Silvia, die junge Frau im Wohnblock gegenüber. Die Verkäuferin anzusprechen traut sich André nicht und seine schlechte soziale Stellung verstärkt seine Schüchternheit nur noch. Dabei ist André nicht dumm. Begierig saugt er alles Wissen auf, dessen er habhaft werden kann. Leider sind dies zumeist nur Fragmente.  Wissen, dass er beim Kopieren aufsaugt. So wie das Shakespearesonett, dessen Ende er nie gelesen hat, weil die Bücher nur während der Kopierarbeit erreichbar sind. Mit ihm im Laden arbeitet die aufreizende Schönheit  Marines. Auch hier ist André nicht abgeneigt, doch die junge Frau hat nicht nur genaue Vorstellungen von ihrem zukünftigen Partner –  reich, groß und nichtrauchend  – , sondern auch einen hartnäckigen Verehrer namens Cardoso. Der lässt sich auch nicht davon irritieren, dass er keines der drei Kriterien erfüllt.  Anfangs sieht es so aus, als ob die beiden Möchtegern-Casanovas sich mit wagen Träumereien begnügen müssten, bis der Fortschritt in Form eines Farbkopierers ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. André und Cardoso, die sich bald als bemitleidenswerte Bundesgenossen wiederfinden, beginnen im kleinen Umfang Geld zu kopieren. Mit dem plötzlichen „Reichtum“ kann Cardoso seine Marines ausführen und  André Silvia mit kleinen Geschenken auf sich aufmerksam machen. Eines davon ist ein durchsichtiger Vorhang, denn André nicht ohne Hintergedanken verschenkt. Doch wie konsterniert ist der heimliche Beobachter, als er durchs Fernrohr mit ansehen muss, wie Silvias Vater seine Tochter heimliche unter der Dusche beobachtete. Für den düpierten Voyeur steht fest., viel mehr Geld muss her, um mit Silvia ins gelobte Paradies Rio de Janeiro zu entkommen. Darum investiert André die letzte Fuhre seiner kopierten Geldscheine in eine Pistole, die ihm ein befreundeter Dealer verkauft. Nicht ahnend, dass er damit eine Kettenreaktion auslöst, an deren Ende beträchtliche Summen den Besitzer wechseln und zwei Menschen ihr Leben verlieren.

Der junge Regisseur Jorge Furtado braucht eine Weile, bis sein Filmexperiment so richtig in Fahrt kommt. Zu Beginn machen die vielen Monologe seines Helden den Film etwas zu wortlastig. Ein Umstand, der durch die Untertitelung noch stärker zum Tragen kommt. Doch gerade als man sich schon auf eine etwas versponnene Sozialstudie eingelassen hat, wechselt Furtado Rhythmus und Stil. Zu den bereits von Beginn an verwendeten Splitscreens und Animationen gesellt sich nun eine wesentliche dynamischere Bildsprache. Ohne Brüche wechselt der Film nun zur romantischen Komödie, um dann ins Genre der Gangstergroteske einzuschwenken. Nicht nur der Plot überrascht mit Paradigmenwechsel, auch Furtados Figuren entpuppen sich als verblüffend wandelbar. Da werden die Unschuldslämmer zu raffinierten Strippenziehern, während die scheinbar Skrupellosen mit sympathischer Prinzipientreue punkten. Dass Jorge Furtado den Film immer besser in den Griff bekommt, liegt auch am brillanten Auftritt des Hauptdarstellers Lázaro Ramos. Wie schon bei seiner Darstellung eines schillernden Transvestiten in „Madame Sata“, beeindruckt der Brasilianer auch hier mit seiner enormen Wandlungsfähigkeit. Gerade noch ein bedauernswertes Nichts, zeigt er einen Augenblick später eine verblüffende Präsens, die die komplette Szenerie dominiert.