Measure of a Man – Ein fetter Sommer

Erwachsen werden, heißt auch, Entscheidungen zu treffen – und mit den Konsequenzen zu leben. Das muss der 17-jährige Bobby Marks erst noch lernen, während er den Sommer mit seiner Familie am See verbringt, für einen alten Arzt die Gartenpflege macht, verliebt ist und sich mit Jungs herumschlagen muss, für die er das ideale Opfer ist. „Measure of a Man“, dessen deutscher Untertitel „Ein fetter Sommer“ dem Originaltitel von Robert Lipsytes Roman entspricht, ist ein schöner Coming-of-Age-Film, der unaufgeregt, aber einfühlsam ist.

Webseite: www.kinostar.com

USA 2018
Regie: Jim Loach
Darsteller: Judy Greer, Blake Cooper, Danielle Rose Russell, Luke Wilson, Donald Sutherland
Länge: 100 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: 13. Juni 2019

FILMKRITIK:

Der Sommer des Jahres 1976: Bobby (Blake Cooper) muss mal wieder mit seiner Familie die Ferienzeit am See verbringen. Was für seinen Vater die Wochen sind, für die er das ganze Jahr über lebt, sind für Bobby quälend langsam vergehende Tage. Denn der etwas übergewichtige Bobby ist ein Außenseiter, der sich nur mit der gleichaltrigen Joanie (Danielle Rose Russell) versteht, aber die muss die Sommerferien frühzeitig abbrechen. Um seine Zeit auszufüllen, sucht sich Bobby einen Job. Für Dr. Khan (Donald Sutherland) pflegt er nun täglich dessen Anwesen, auch wenn er anfangs alles andere als ein Händchen dafür hat. Ärger hat er zudem mit einigen Einheimischen, die es genießen, ihren Spaß mit dem fetten Sonderling zu haben. Nicht die besten Aussichten für einen großartigen Sommer, aber dies wird das Jahr werden, in dem aus dem Jungen ein Mann wird.
 
Dass der Film im Jahr 1976 angesiedelt ist, hat keine besondere Bedeutung. Es ist einfach das Jahr, das schon im Roman vorgegeben ist. Damals war das noch die Gegenwart, da Robert Lipsyte sein Buch erstmals im Jahr 1977 publiziert hat. Seitdem ist es zu einem Werk geworden, das in den USA an Schulen gerne gelesen und von Lehrern empfohlen wird. Weil es einen Außenseiter in den Mittelpunkt rückt, aber auch, weil es auf simple Art und Weise zeigt, wie man als Mensch wachsen kann. Wie man sich selbst treu bleiben und sich dennoch verändern kann. Diese Qualitäten findet man nun auch in Jim Loachs Film.
 
Den Wert eines Mannes, so Dr. Khan zu Bobby, erkennt man, wenn dieser gezwungen ist, eine schwere Entscheidung zu treffen. Ob es die Richtige oder die Falsche ist, wird er später erst erkennen – und so oder so damit hadern. Eine Lektion, die Bobby nicht versteht. Die er noch nicht verstehen kann, weil er immer noch mehr Kind als Mann ist, aber es ist auch diese Interaktion mit dem alten Doktor, die ihn reifen lässt. Weil der Mann ihm beibringt, Selbstbewusstsein zu entwickeln und für sich selbst einzustehen – und das auf eine sehr zurückhaltende, überhaupt nicht aufdringliche Art und Weise.
 
Gleiches gilt für „Measure of a Man“. Dies ist auch ein unaufdringlicher Film, der im Grunde nicht viel an Handlung vorzuweisen hat, da er nur zeigt, wie ein Junge seinen Sommer verbringt – inklusive all der kleinen Ereignisse, die damit zu tun haben. Die sind mal schön, mal anstrengend, mal grauenhaft, mal mit Triumph versehen. Denn Bobby lernt, dass er nicht länger zurückweichen kann. Er muss für sich einstehen, womit ein Prozess des Wachsens in Gang gesetzt wird.
 
„Measure of a Man“ ist vom neuseeländischen Kameramann Denson Baker warmherzig eingefangen. Er schafft die sommerlichen Bilder, die einen Film wie diesen einfach begleiten müssen. Das erwachsene Ensemble ist gut, abgesehen von Sutherlands Figur bleiben alle anderen – die von Judy Greer und Luke Wilson gespielten Eltern – unterentwickelt. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf Bobby, der von dem mittlerweile richtig dünn gewordenem Blake Cooper mit sehr viel Herz gespielt wird. Dies ist ein warmherziger, schöner Film, dessen größte Stärke es ist, im Zuschauer Erinnerungen an die eigene Jugend wachzurufen.
 
Peter Osteried