Mellow Mud

Eine klassische Coming-Of-Age-Geschichte ist „Mellow Mud“, der Debütfilm des lettischen Regisseurs Renärs Vimba. Mit dem Hauptpreis der Berlinale-Sektion Generation 14plus ausgezeichnet erzählt Vimba mit genauer Beobachtung von der 17jährigen Raya, die viel zu früh viel zu viel Verantwortung übernehmen muss.

Webseite: www.facebook.com/mellowmud

Es esmu seit
Lettland 2016
Regie & Buch: Renärs Vimba
Darsteller: Elina Vaska, Andzejs Janis Lilientals, Edgars Samitis, Zane Jancevska, Ruta Birgere, Rezija Kalnina
Länge: 105 Minuten
Verleih: Sabcat Media
Kinostart: 13. Dezember 2018

FILMKRITIK:

Im ländlichen Lettland auf einem Bauernhof leben die 17jährige Raya und ihr jüngerer Bruder Robis (Andzejs Janis Lilientals) nach dem Tod des Vaters bei ihrer ungeliebten Großmutter (Ruta Birgere). Doch eine andere Möglichkeit gibt es nicht, denn ihre Mutter ist schon seit Jahren verschwunden, nach London, auf der Suche nach einem besseren Leben. So unerträglich die Großmutter auch ist, wollen die Geschwister nicht in ein Heim, müssen sie sich mit ihr abfinden.
 
Doch eines Tages ist die Großmutter tot und Raya trifft eine schwerwiegende Entscheidung: Statt den Todesfall zu melden, begraben die Geschwister die Großmutter auf dem Feld und weichen fortan geschickt den Fragen einer Sozialarbeiterin (Zane Jancevska) aus. Im Bemühen, nicht aufzufallen, die Pension der Großmutter weiter zu beziehen und unabhängig zu leben, gehen die Geschwister sogar wieder regelmäßig zur Schule, wo Raya bald einen Hinweis auf einen Englischwettbewerb sieht. Ist das die Möglichkeit nach London zu kommen und ihre Mutter zu finden? Mit der Hilfe des jungen Lehrers Oskars (Edgars Samitis) bereitet sich Raya auf den Wettbewerb vor – und beginnt bald eine Affäre mit ihrem Lehrer.
 
Mit bemerkenswerter Beiläufigkeit inszeniert Renärs Vimba seinen Debütfilm und lässt so selbst alles andere als gewöhnliche Ereignisse, wie das Begraben der Leiche der Großmutter, als nachvollziehbare Entscheidungen wirken. Kein Gesetzesbruch ist hier impliziert, viel mehr der angesichts der Umstände vollkommen nachvollziehbare Versuch der Geschwister, das Beste aus den schwierigen Umständen zu machen, in denen sie leben.
 
Und auch später, wenn Raya eine Affäre mit ihrem Lehrer beginnt, zeigt Vimba dies nicht als unerhörtes Ereignis oder gar eine Form des Machtmissbrauchs von Seiten des Lehrers, sondern als weitere Entwicklungsstufe eines jungen Mädchens. Dass das funktioniert liegt nicht zuletzt an Hauptdarstellerin Elina Vaska, die hier ihre erste große Rolle spielt. Und dabei vor allem mit Blicken und Gesten arbeitet, denn ein Aspekt des Films ist die weitestgehende Sprachlosigkeit der Figuren. Nur das nötigste wird gesagt und auch das bleibt eher funktional und spröde, wird jedoch nie psychologisierend oder erklärend.
 
Kaum mehr als Blicke braucht es etwa, wenn Raya es schließlich doch nach London schafft und ihre Mutter findet, die sie seit Jahren nicht gesehen hat. In einer schäbigen Mietskaserne spielt die Szene und allein, dass die Mutter ein Baby auf dem Arm hat, dem Blick ihrer Tochter kaum standhalten kann, erzählt alles. Mit Worten auf den Punkt gebracht, muss hier nichts mehr werden und das ist die größte Stärke des Films.
 
Ganz naturalistisch filmt Renärs Vimba, schreckt auch nicht vor visuellen Metaphern wie symbolträchtigem Stampfen über matschige Wege, die den abgelegenen Hof von der Ortschaft trennt, zurück und schafft es dadurch, eine klassische, auf dem Papier fast konventionelle Coming-Of-Age-Geschichte frisch und ungewöhnlich zu inszenieren.
 
Michael Meyns