Mikro und Sprit

Wenn Michel Gondry einen Jugendfilm dreht, kann man sich auf eines verlassen: Es wird originell. Daniel und Théo heißen die Helden eines Road Movies, das die beiden Jungs über die französischen Landstraßen schickt – ein Sommerabenteuer voller Überraschungen. Nach seinen Kinohits – u. a. „Vergiss mein nicht“, „Abgedreht“ und „The Green Hornet“ – kommt ein Gondry ins Kino, der ein sehr junges Publikum anspricht. Es gibt zwar diesmal keine Superhelden, keine Kinofakes und keine aberwitzige Lovestory, aber dafür Erstaunliches aus der echten Welt: Filmkunst für die Jugend!

Webseite: www.studiocanal.de/kino

Originaltitel: Microbe et Gasoil
Frankreich 2015
Regie und Drehbuch: Michel Gondry
Darsteller: Ange Dargent, Théophile Baquet, Audrey Tautou, Diane Besnier, Vincent Lamoureux
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 2. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Zwei Außenseiter finden zusammen: Daniel trägt den Spitznamen „Mikrobe“, also Mikro, weil er kleiner ist als seine Mitschüler. Er hat keine Freunde und ist eine Art Nerd, künstlerisch begabt, ein in sich gekehrter Tüftler und Einzelgänger, vielleicht auch, weil er zu seinem Leidwesen wegen seiner langen Haare oft für ein Mädchen gehalten wird. Dazu ist er geschlagen mit einer manisch depressiven Mutter (großartig: Audrey Tatou). Eines Tages kommt ein Neuer in die Klasse: Théo. Wegen seiner Hobbys, die fast alle mit Motoren zu tun haben, trägt er den Spitznamen „Sprit“. Er ist offenbar ein echter Macher und schon fast ein richtiger Kerl: taff und voller Ideen. Die beiden Jungs freunden sich schnell an, und Daniel merkt ziemlich schnell, dass der Draufgänger Sprit gar nicht so ein toller Hecht ist, sondern ebenfalls seine Probleme hat. Zu allem Überfluss stehen die großen Ferien vor der Tür, und damit droht den beiden Jungs der gemeinsame Urlaub mit den Eltern. So entwickeln die beiden einen Plan, um in den Sommerferien gemeinsam abzuhauen. Aber nicht einfach so ins Blaue, denn sie brauchen schließlich sowohl eine Reisemöglichkeit als auch eine Unterkunft, alles natürlich möglichst kostengünstig: Also bauen sie sich aus allen möglichen Resten, Brettern und Ersatzteilen unter Zuhilfenahme eines Rasenmähermotors ein ziemlich originelles Gefährt, das aussieht wie eine fahrbare Hütte. Und damit gehen die beiden tatsächlich auf die Reise. Und das Abenteuer wartet gleich um die Ecke …
 
Wie die beiden Jungs spielen, ist eine reine Freude: Ange Dargent ist als „Mikro“ der scheinbar engelsgleiche Blondschopf, der so gern sein mädchenhaftes Image loswerden möchte, gleichzeitig Kind und Rabauke. Théophile Baquet ist das genaue Gegenteil: Er wirkt reifer, ein temperamentvoller Junge, der auf ganz andere Weise als sein Freund gut bei Frauen ankommt – und es auch weiß. Unter Gondrys sicherer und einfühlsamer Regie spielen die beiden überzeugend ihre Geschichte eines Sommers und einer Freundschaft. Das ist vielleicht im Ansatz nicht besonders originell, aber es ist vor allem die Umsetzung, die den Film aus der Masse heraushebt.
 
Michel Gondry hat hier, wie man hört, seine Kindheitserinnerungen verarbeitet. Auch er ist in der Nähe von Versailles aufgewachsen, also in der Nähe von Paris, aber doch schon auf dem Lande. Humorvoll und gleichzeitig ein bisschen wehmütig denkt er an die Zeit seiner Jugend, besonders an die Zeit zwischen Kind und Mann, die sowohl für ihn als auch für viele andere Jungs sehr abenteuerlich und aufregend war. Hin und wieder kommt dann bei allem Realismus doch der „echte“ Gondry durch, mit skurrilen Drehbuchideen und originellen Regieeinfällen. Michel Gondry ist vielleicht noch am ehesten die europäische Antwort auf Wes Anderson … und wenn die beiden Jungs in ihrer Hütte über die Landstraße tuckern, dann ist das einfach toll. Die originellen und teils wirklich überraschenden Stationen auf dem Road Trip der beiden wirken manchmal etwas beliebig oder gewollt, aber das macht nichts, denn hier geht es weniger um eine straffe Dramaturgie mit konkreten Entwicklungen als ums große Ganze – die letzten Ferien als Kind und in selbst gewählter Freiheit. Was immer auch die Zukunft bringen mag: Schöner kann es eigentlich nicht werden. So liegt dann auch eine angenehme, zarte Melancholie über dem kurzweiligen Abenteuer.

Gaby Sikorski