Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen

Der Rumäne Radu Jude widmet sich in seinem neusten Film der Schuldfrage Rumäniens an der Massenvernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg. Es ist eine radikale filmische Vergangenheitsbewältigung, für die sich Jude hier entschieden hat. Kunstvoll und mithilfe unterschiedlicher erzählerischer sowie visueller Ebenen bringt er Vergangenheit und Gegenwart zusammen. Mittendrin: eine mutige Theaterregisseurin, die gegen das Vergessen ankämpft und für eine lebendige Erinnerungskultur eintritt. Ein vielschichtiger, unbedingt sehenswerter Film.

Webseite: www.grandfilm.de/mir-ist-es-egal-wenn-wir-als-barbaren-in-die-geschichte-eingehen/

Rumänien/Bulgarien/Deutschland/
Frankreich/Tschechische Republik 2018
Regie & Drehbuch: Radu Jude
Darsteller: Ioana Iacob, Alexandru Dabija, Alexandru Bogdan, Ilinca Manolache
Länge: 140 Minuten
Kinostart: 30.05.2019
Verleih: GrandFilm

FILMKRITIK:

Ende 1941 kam es in der Ukraine zu einem der schlimmsten antisemitischen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs – verübt durch rumänische Truppen, die auf Befehl der Nazis handelten. Die Rede ist vom Massaker von Odessa, bei dem mehrere zehntausend Juden brutal ermordet wurden. In Rumänien will heute niemand mehr etwas von der Beteiligung an dem Massenmord wissen. Die junge Regisseurin und Aktivistin Mariana Marin (Ioana Iacob) will das ändern und plant deshalb eine groß angelegte, aufwendige Theateraufführung zum Thema. Doch das Projekt steht von Beginn an unter einem schlechten Stern. So gibt es Unmut unter den Komparsen und die Stadtregierung möchte das Stück nach ihrem Willen abändern.

Regisseur Radu Jude wählte als Filmtitel ein Zitat des rumänischen Generals und Diktators Ion Antonescu. Antonescu, ein Hitler-Verbündeter, äußerte den Satz im Sommer 1941 im rumänischen Ministerrat und kommentierte damit die ethnischen Säuberungen an der Ostfront. Jude drehte den Film u. a. im Bukarester Athenäum, das heute als Konzerthaus dient. „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren…“ feierte seine Weltpremiere im Juli 2018 im Rahmen des Internationalen Filmfestivals von Karlsbad.

„Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“ ist ein Film, der Vergangenes und Gegenwärtiges auf ganz außergewöhnliche Weise miteinander kombiniert. Jude macht sich die Metaebene zu Nutze, dreht also einen Film über das Filmemachen oder, in diesem Fall, über eine provokative, aber unbedingt nötige Theateraufführung. Nötig deshalb, da sie die fiktiven Figuren im Film und – noch wichtiger – die Zuschauer im Kino unmittelbar mit der rumänischen Schuldfrage konfrontiert. Die Entstehung des Theaterstückes wird (vordergründig) zum Inhalt des Films, Jude nutzt aber auch Mittel der Dokumentation, um die wahren Hintergründe und Ausmaße der damaligen Verbrechen zu verdeutlichen.

So sieht man Archivbilder einer Hinrichtung, diverse historische Aufnahmen aus jener Zeit, Original-Fotos von erhängten Juden und sogar Ausschnitte aus einem Film aus dem Jahre 1993 („The Mirror“), der die Taten Antonescus verharmlost. In einer Doku hätte Jude dieses Archivmaterial vermutlich zwischen Interviews und Zeitzeugenberichte geschnitten. In „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren…“ aber werden diese mitunter schwer verdaulichen Bilder und Szenen subtil, quasi als Beiwerk, eingefügt. Sie laufen zum Beispiel nebenbei auf privaten TV-Geräten oder werden von den Protagonisten auf Laptops begutachtet – und damit werden sie zu einem Teil der fiktionalen Filmhandlung. Die historischen Aufnahmen aber sind echt. Wie Jude an dieser Stelle Fiktion und Realität kunstvoll verschränkt, ist beeindruckend.

Eine weitere große Stärke des ungemein dialogreichen, von schwarzem Humor durchzogenen Films ist die starke, komplexe weibliche Hauptfigur. Mariana Marin erscheint von ihrer Statur und Größe her zart und schwach. Doch sie tritt selbstsicher auf und weiß sich durchzusetzen: gegen Sexisten und Rassisten am Set, gegen pöbelnde Rumänen auf der Straße (einer der Vorwürfe: Geschichtsfälschung)  und nicht zuletzt gegen einen auf Krawall gebürsteten, aufgeweckten Beamten der Stadt. Mit ihm liefert sich Marin mitunter die besten, deftigsten Wortgefechte und Auseinandersetzungen. Er wirft ihr vor, Steuergelder zu verschwenden und mit ihrem Stück einzig Aufmerksamkeit und Provokation erzielen zu wollen. Marin begegnet den Anschuldigen mit Taten, die in einer grandiosen, finalen Aufführung des Stücks münden.

Björn Schneider