Mollath – Und plötzlich bist du verrückt

Der Fall Gustl Mollath schlug große Wellen: Ein bis dato unbescholtener Bürger, bezichtigt seine Frau illegaler Schwarzgeldgeschäfte. Keiner will ihm glauben, obwohl bankinterne Papiere ihm Jahre später recht geben. Stattdessen wird der Franke von der Justiz als wahnhafter Gewalttäter sieben Jahre lang in der geschlossenen Psychiatrie weggesperrt. In ihrem sehenswert, feinfühligen Dokumentarfilm nähern sich die beiden jungen Regisseurinnen Annika Blendl und Leonie Stade der Hauptfigur dieser kafkaesken Tragödie, die sich auch als einer der größten Justizirrtümer der Bundesrepublik entpuppte.

Webseite: www.mollath-film.de

Deutschland 2015
Regie: Annika Blendl, Leonie Stade
Kamera: Eugen Gritscheder
Länge: 90 Minuten
Verleih:  Zorro, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 9. Juli 2015

FILMKRITIK:

Als der fränkische Ingenieur Gustl Mollath im August 2013 endlich aus der Psychiatrie entlassen wird, besitzt  er nichts mehr – außer seinem selbst gezogenen Orangen- und Dattelbäumchen. Die Datteln schenkte ihm der Anstaltspfarrer zu Weihnachten, erzählt er. Vorsichtig löst der 58jährige in einer Wohnung, die ihm Freunde und Unterstützer besorgten, die Pflanzen aus dem viel zu kleinen Blumentopf. Sein Haus wurde ausgeräumt und versteigert. „Sie haben ihn einfach vor die Tür gesetzt“, sagt Mollaths Anwalt Gerhard Strate. Ohne Honorar kämpft der Hamburger Strafverteidiger für ihn, um ein Wiederaufnahmeverfahren und seine Reputation.

Der einstige Oldtimer-Restaurator besucht danach seine Sehnsuchtsorte – einer davon die Zugspitze. Mollath beobachtet die Bergsteiger, die mit Steigeisen nach oben klettern. „Das kann ich ohne“, ruft er plötzlich – und kraxelt hoch. Übermütig demonstriert er auf dem höchsten Gipfel Deutschlands seine zurückgewonnene Lebensfreude. Doch die verlorenen Jahre kann ihm niemand zurückgeben. Nachdenklich steht er später vor dem Kurt-Eisner-Denkmal in der Münchner Faulhaber Straße. Die kupferne Bodenplatte auf dem Gehweg erinnert an die Ermordung des ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner durch reaktionäre, antisemitische Kräfte. Der sozialistische Pazifist rief damals die Republik Bayern als Freistaat aus.
Bei einer Autofahrt berichtet der gebürtige Nürnberger von seinem Trauma in der Psychiatrie. Tagelang isoliert, entmündigt, von einer Kamera beobachtet, nachts hörte er die Schreie anderer Patienten. Hilflos musste er zusehen, wie sie von einem Stationsarzt niedergespritzt wurden. Trotz allem hegt er keine Rachegedanken seiner ehemaligen Frau gegenüber. Sie hatte ihn wegen Körperverletzung angezeigt und stempelte ihn damit zum wahnhaften Gewalttäter. Seine Anzeige wegen der von ihr getätigten Schwarzgeldverschiebungen und Insidergeschäften schlägt die Justiz dagegen nieder. Justiz- und Wirtschaftskrimi oder bitterer Rosenkrieg? Hier scheiden sich die Geister.

„Wie geht´s deiner Geschichte mit dem verrückten Franken“, wird die Spiegeljournalistin auf dem Flur von Kollegen gefragt. Die 50jährige sieht ausschließlich häusliche Gewalt im Vordergrund. Damit ist, ihrer Meinung nach, eine Einweisung gerechtfertigt. Auch ein ehemaliger Altenpfleger, der nun als Chefreporter arbeitet, glaubt nicht, dass Mollath unschuldig sei. Aufgrund persönlicher Erfahrungen aus seiner Scheidung verweist er auf die sprichwörtlichen zwei Seiten. Der interne Prüfungsbericht der Bank, der Mollaths Anschuldigungen belegt, ist für beide kein Thema. Diesen tatsächlichen Skandal enthüllten vor ihnen bereits investigative Profis, die leider im Film nicht zu Wort kommen.

Bei den ersten Schritten seiner hart umkämpften Freiheit unterstützt Mollath auch ein enger Freund. Zusammen besuchen sie ein Oldtimerrennen. Auf dem Weg dorthin berichtet der Freund von den Telefonaten mit der Ex-Frau vor Mollaths Einweisung. „Wenn Gustl meine Bank und mich anzeigt, mach ich ihn fertig“, habe sie ihm gesagt. Und weiter: „Dann zeige ich ihn auch an … Der ist doch irre, den lasse ich auf seinen Geisteszustand überprüfen“. Falls ihr Mann „seine Klappe hält“, könne er 500.000 Euro von seinem Vermögen behalten, das solle der Freund ihm ausrichten.  

In einem in der bayerischen Justizgeschichte einmaligen Vorgang beantragt die Staatsanwaltschaft selbst die Wiederaufnahme des Verfahrens. Wieder steht Gustl Mollath vor Gericht. Dieses Mal in Regensburg. Im Dom zündet Mollath vor der Verhandlung eine Kerze an und sammelt Kraft. Vor dem Portal wirft er eine Münze, um zu demonstrieren, wie willkürlich das Ergebnis einer erneuten psychiatrischen Begutachtung ausfallen kann. Am nächsten Tag kommt es zum Eklat. Sein Verteidiger Gerhard Strate legt das Mandat nieder.

Der Grund wird im Film nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Fast scheinen die beiden Filmemacherinnen die These des Querulanten und Störenfried damit zu erhärten. Doch bereits in einem vorangegangenen Statement versucht Verteidiger Strate zu erklären, dass Rechtsprechung und Gerechtigkeit sich nicht immer decken. Denn in dem komplizierten Wiederaufnahmeverfahren ist erneut Gustl Mollath angeklagt, nicht diejenigen, die ihn damals in die Anstalt brachten – deren Verantwortlichkeit ist nicht Untersuchungsprogramm des Prozesses. Zudem ist die Schwarzgeldaffäre inzwischen längst verjährt.

Kein Wunder, dass Mollath enttäuscht ist. Eine vollständige Rehabilitierung, wie er sie sich wünscht, sieht anders aus. Die Staatsanwaltschaft ist seinen Vorwürfen nie nachgegangen.  Sie beharrt bis heute darauf, dass seine Anzeigen nicht konkret genug gewesen seien, zu oberflächlich. In Mollaths Anzeigen standen jedoch Dutzende Namen, teilweise sogar Anschriften von möglichen Tätern und den dazu notwendigen Zeugen. Genug Ansätze, um zu ermitteln – wenn man ermitteln will.

 „Wir möchten erkennen,“ sagt Nachwuchsfilmemacherin Annika Blendl, „wer der Mensch Gustl Mollath ist.“ Dafür begleiteten die beiden jungen Regisseurinnen Annika Blendl und Leonie Stade ihren Protagonisten, der für viele vom Opfer zum Helden wurde, fast ein Jahr lang. Angefangen von seiner Entlassung bis hin zu seinem Wiederaufnahmeverfahren sammeln sie Bilder für ihr feinfühliges Portrait. Eindrucksvoll gelingt es ihnen Nähe herzustellen. Für ihren Versuch zu zeigen, was die Person Gustl Mollath antreibt, finden sie streckenweise stimmige Metaphern.

Was der Film freilich nicht leisten kann, ist die ungeheure Komplexität und seine Hintergründe in Gänze einzufangen. Zur Debatte über die Unterbringung in psychiatrischen Kliniken, die der Fall Gustl Mollath auslöste, kann die sehenswerte Dokumentation jedoch sehr wohl beitragen. Denn Tatsache bleibt, dass heute doppelt so viele Menschen in Deutschland in geschlossenen psychiatrischen Einrichtungen sitzen wie vor zwanzig Jahren. Und dass in Bayern anteilig zur Bevölkerung doppelt so viele Menschen in die Psychiatrie eingewiesen werden wie im Bundesdurchschnitt. Gustl Mollath ist also nicht der einzige Fall dieser Art.

Luitgard Koch