My Nazi Legacy: What Our Fathers Did

Gemeinhin behaupten Dokumentarfilme ja einen objektiven Blick auf Personen oder Ereignisse, der freilich von vornherein nie ganz objektiv ist, weil allein schon die Auswahl von Kamerawinkeln, Rohmaterial oder Gesprächspartnern eine Perspektivierung vornimmt. Im Fall von „My Nazi Legacy“ liegt indes von vornherein auf der Hand, dass der Filmemacher David Evans und der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands (Drehbuch) eine äußerst subjektive Doku vorlegen. Sands ist jüdischer Abstammung; fast alle seiner direkten Familienvorfahren kamen im Holocaust ums Leben. Nun besucht er die Orte der Verbrechen. Der Clou dabei ist, dass er von Niklas Frank und Horst von Wächter begleitet wird, die Söhne zweier hochrangiger Nazis, deren Väter unmittelbar für die Auslöschung seiner Verwandten verantwortlich sind. Frank und Wächter gehen ganz unterschiedlich mit ihrem schwierigen Erbe um, was den Stoff für eine sehr persönliche, geradezu intime Doku liefert.

Webseite: fsk-kino.peripherfilm.de

OT: My Nazi Legacy
Großbritannien, Österreich, Polen, Ukraine 2015
Regie: David Evans
Drehbuch: Philippe Sands
Mitwirkende: Niklas Frank, Horst von Wächter, Philippe Sands
Laufzeit: 96 Min.
Verleih: Peripher Filmverleih
Kinostart: 14. September 2017

FILMKRITIK:

Der glühende NSDAP-Parteigänger Hans Frank war Hitlers Rechtsanwalt und galt als höchster Jurist im Dritten Reich. Ab 1939 wurde Frank zum Generalgouverneur des besetzten Polens ernannt und verantwortete dort den Genozid an ansässigen Juden und anderen Reichsfeinden. Je nach Blickwinkel trug er den Spitznamen „König“ oder „Schlächter“ von Polen. Sein Stellvertreter war der SS-Gruppenführer Otto Wächter, ebenfalls ein Jurist, der ab 1942 als Gouverneur des Distrikts Galizien und ab 1944 auch als Generalleutnant der Polizei fungierte. Nach Kriegsende wurde Frank bei den Nürnberger Prozessen zur Rechenschaft gezogen und zum Tod am Strick verurteilt. Wächter setzte sich hingegen ab und fand Zuflucht im Vatikan, wo er 1949 verstarb.
 
Niklas Frank und Horst von Wächter, die Söhne der beiden NS-Verbrecher, müssen mit diesem schwierigen Erbe leben. Ihre Familiengeschichten sind fast analog, doch der Umgang der Männer mit der väterlichen Schuld unterscheidet sich gravierend voneinander. Der frühere „Stern“-Journalist Frank verdammt die Taten seines Vaters und befürwortet die in den Nürnberger Prozessen verhängte Todesstrafe. Als Reminder, dass der ungeliebte Vater tatsächlich tot ist, trägt er stets ein Foto des aufgebahrten Leichnams bei sich; und der Titel eines Buchs, das er über den Vater geschrieben hat, trägt den unmissverständlichen Untertitel „Eine Abrechnung“.
 
Horst von Wächter gibt sich hingegen alle Mühe, die Taten seines Vaters zu relativieren. Er versteckt sich hinter Ausflüchten wie der Unausweichlichkeit der Befehlskette und beharrt darauf, dass der Vater nie etwas Böses wollte. Immerhin existiert kein Dokument, das die väterlichen Kriegsverbrechen per Unterschrift belegt. So kann Wächter weiterhin glauben, der alte Herr sei ein Optimist gewesen; einer, der etwas aufbauen wollte und bis zuletzt an ein Umschwenken Hitlers geglaubt habe.
 
Philippe Sands und Niklas Frank lassen diese Perspektive nicht gelten. Im Verlauf der Reise sind nicht nur die historischen Fakten von Belang, sondern in erster Linie das brüchige Beziehungsdreieck zwischen den Männern. Die gediegene Exposition, in der die Protagonisten von ihrer Kindheit berichten, Familienalben und frühe Kameraaufnahmen herzeigen, steckt den Rahmen ab. Frank erzählt von seiner Mutter, die gern im Krakauer Ghetto Pelze „shoppte“, Wächter beschreibt den Schock, der ihn als Jungen nach 1945 ereilte.
 
Die eigentliche Auseinandersetzung beginnt mit der Reise an die Verbrechensorte. Immer klarer greifen Sands und Frank die Beschwichtigungen Wächters an, ja, im Filmverlauf avanciert er regelrecht zum Buhmann der Reisegruppe. Bei einer 2014 geführten Podiumsdiskussion in London muss er nicht nur kritische Publikumsfragen beantworten, sondern wird auch von seinen Begleitern in die Mangel genommen. Bei der Besichtigung einer Synagoge in der Westukraine, die 1941 niedergebrannt wurde, will Horst von Wächter lieber an die künftige Nutzung der Ruine denken als an den Genozid. Beim anschließenden Ausflug auf eine Wiese, unter der ein Massengrab liegt, zeigt er innere Einkehr und Betroffenheit, weist eine Mitschuld seines Vaters aber nach wie vor zurück. Unter dem Gras ruhen auch die Vorfahren von Philippe Sands: Von der 80-köpfigen jüdischen Familie überlebte nur der Vater den Holocaust.
 
Filmisch reflektiert Regisseur David Evans die Verquickung von Historie und persönlicher Gegenwart, indem er historisches Archivmaterial zwischen die Ortsbegehungen der Reisegruppe montiert. In einer Schlüsselszene stellt Niklas Frank eine Rede seines Vaters nach, in deren Verlauf dieser sich auch immer wieder mit scherzhaften Bemerkungen über die Krakauer „Säuberungen“ direkt an Otto Wächter wandte. Eine Familienkonfrontation der besonderen Art, die beim Zuschauen allerhand Gedankengänge anregt.
 
Christian Horn