Mythos im Meer – Die privaten Sylter Filmschätze

Heutzutage ist die Nordseeinsel Sylt vor allem als Mekka der Reichen und Schönen bekannt. Doch das war nicht immer so. In ihrer Dokumentation „Mythos im Meer – Die privaten Sylter Filmschätze“ lassen die Regisseure Claus Oppermann und Sven Bohde Menschen zu Wort kommen, die das Feriendomizil kannten, als es noch gar keines war. Das Ergebnis ist schwer nostalgisch und lebt von den privaten Erlebnissen eingefleischter Sylter Persönlichkeiten.

Webseite: mythos-im-meer.de

Deutschland 2019
Regie: Claus Oppermann, Sven Bohde
Verleih: SYLT Film (Eigenverleih)
Länge: 94 Min.
Start: 2019

FILMKRITIK:

„In der Tiefe fanden sich tausend Erinnerungen, festgehalten in hunderten unentdeckten Bildern. Mit Geschichten von einer Insel im Meer und den Menschen.“ Mit dieser Texteinblendung beginnt die Dokumentation „Mythos im Meer – Die privaten Sylter Filmschätze“, für die die beiden Regisseure Claus Oppermann und Sven Bohde seit 2015 über 300 Filmrollen eingesammelt, gesichtet und für die Verwendung in ihrem Film aufwändig digitalisiert haben. Auf den Bändern zu sehen: Anekdoten, Ausschnitte aus dem Leben echter Sylter. Mal rein privater Natur, andere wiederum zeigen Katastrophen, Festivitäten und über allem schwebt der technologische sowie wirtschaftliche Wandel, dem sich das heute beliebte Feriendomizil an der Nordseeküste von Beginn an unterwerfen musste. Oppermann und Bohde baten einige der Urheber der Videos vor die Kamera. In ausführlichen Interviews begleiten sie die Aufnahmen mit ihren Stimmen und schildern Geschichten von früher. Der Film zeigt eine Insel, vor allem aber eine Gesellschaft im Wandel der Zeit.
 
„Mythos im Meer“ ist keine dieser klassischen Naturdokumentationen, in denen man hübsche Bilder eines bestimmten geographischen Gebiets sieht (so steht uns beispielsweise der Kinostart von „Russland von oben“ kurz bevor) und via Off-Kommentar alles wichtige zur entsprechenden Ortschaft erfährt. Die Flora und Fauna Sylts spielen in diesem Film eine untergeordnete, wenn nicht gar überhaupt keine Rolle. Worum es hier geht, sind die Menschen. Und diese haben viel zu erzählen. Zu Beginn wirkt „Mythos im Meer“ fast noch eher wie ein Film über das Filmemachen selbst. Die Interviewpartner schildern ihre Faszination für das neue Medium (damals hatte ja noch nicht jeder ein Smartphone ständig griffbereit) und auch, weshalb die Kamera bei vielen fortan immer dabei war. Doch dann wird auch schon der Bezug zur Insel hergestellt. Viele der Interviewpartner kamen schon als Kind in Berührung mit der Insel; wahlweise als Urlauber oder als Einheimische, von denen, so erfahren wir im Laufe des Films, heute kaum noch welche gibt. Die Männer und Frauen im Film erzählen von ihrer Kindheit und Jugend auf Sylt, von Ostertraditionen und Ferienerlebnissen. Käme der Film nicht zwischendurch immer mal wieder auch auf herbere Erlebnisse zu sprechen, käme man glatt auf die Idee, mit Sylt das Paradies gefunden zu haben. Kein Zweifel: Sämtliche im Film zu Wort kommende Personen verbinden mit der Insel vorwiegend schöne (Kindheits-)Erlebnisse. „Mythos im Meer“ ist dadurch ein schwer nostalgischer, hin und wieder verklärender aber trotzdem immer aufrichtiger Film. Einfach weil man jedem hier abnimmt, dass er die Erinnerungen an damals heute immer noch genau so wahrnimmt.
 
Wie viel Arbeit in die Restauration der Aufnahmen geflossen ist, lässt sich nur erahnen. Einigen der Aufnahmen sieht man zwar ihr Alter an, Bild und Sound sind jedoch zumeist klar und deutlich erkennbar respektive zu hören. Dann wiederum gibt es Filmausschnitte, die man selbst mit Untertitel nur schwer entziffern kann. Das macht aber auch den Reiz der Authentizität von „Mythos im Meer“ aus, denn nur so bekommt man das Gefühl, es hier mit einem echten Zeitdokument zu tun zu haben. Die zwischendrin eingestreuten Interviewsequenzen bestechen dafür mit gestochen scharfen Bildern und einer guten Soundqualität. So hat man bis zuletzt den Eindruck, jedem hier sei das Projekt verdammt wichtig gewesen. Und auch wenn man über die Insel selbst nur wenig erfährt, saugt man das Wissen über Kultur und Menschen doch nur zu gern in sich auf, wenn es von den hier porträtierten Syltern mit der entsprechenden Leidenschaft vorgetragen wird. Auf Sylt selbst ist dieser Film sicher bald Pflichtprogramm.
 
Antje Wessels