Near and Elsewhere

Die Zukunft. Ein enorm weites Feld, dass sich das deutsch/österreichische Regie-Duo Sue-Alice Okukubo und Eduard Zorzenoni für seinen essayistischen Dokumentarfilm „Near and Elsewhere“ ausgesucht hat. Dementsprechend weitläufig sind dann auch die Gedanken der Intellektuellen, die um das Thema kreisen und eher Fragen anreißen, als sie zu beantworten.

Webseite: www.near-and-elsewhere-film.com

Dokumentation/Essayfilm
Deutschland/Österreich/Dänemark/Italien 2018
Regie: Sue-Alice Okukubo & Eduard Zorzenoni
Länge: 84 Minuten
Verleih: déjà-vu film
Kinostart: 21. März 2019

FILMKRITIK:

„Wenn wir keine Idee für eine bessere Zukunft haben, wie wollen wir sie dann gestalten?“ ist eine der Leitfragen, die sich durch den lose strukturierten Film ziehen. Zunehmende Teile der Menschheit haben das Gefühl, dass mit der Art, in der wir leben, etwas nicht in Ordnung ist, sie zweifeln am Kapitalismus, machen sich Sorgen um die Folgen der Globalisierung, blicken nicht mehr so unbeschwert in die Zukunft, wie noch vor einigen Jahren. Vielleicht sollte man aber eher sagen: Zunehmende Teile der intellektuellen Eliten, die sich auf Konferenzen und Podiumsdiskussionen mit diesen Themen beschäftigen, viele Papers produzieren und diskutieren.
 
Oder einen Film wie diesen drehen, der seine Interviewpartner mit Vorliebe in symbolträchtige Räume wie einen Hörsaal stellt, sie vor Bücherwände setzt oder zumindest vor abstrakte, irgendwie organisch wirkende geometrische Zeichnungen. Aus dem Elfenbeinturm, über den Elfenbeinturm, für den Elfenbeinturm, so mutet „Near and Elsewhere“ bisweilen an, der fast nur eminente Denker zu Wort kommen lässt, angefangen von der weißrussischen Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewich, über den deutschen Zukunftsforscher Matthias Horx, die italienische Soziologin Elena Esposito oder den deutschen Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, der sich in bescheidener Unbescheidenheit als „Spezialist für das Allgemeine“ bezeichnet. Vielleicht ist diese Bezeichnung aber auch ganz treffend, denn er und die anderen Geistesgrößen kreisen zumindest in den kurzen Passagen, in denen sie zu Wort kommen, sehr abstrakt um die Frage, was die Zukunft bringen könnte, welches Bild wir Zeitgenossen uns von dem machen, was einmal kommen wird, wie die Angst vor der zwangsläufig ungewissen, mehr oder weniger unbestimmten Zukunft unser Denken beeinflusst, wie künstlerische Darstellungen von Utopien und Dystopien unseren Blick auf das Kommende prägen.
 
Immer wieder werden trotz der Kürze der Soundbites interessante Aspekte angerissen, die allerdings durch eine fiktive Ebene unterbrochen werden, in denen zwei Fremde in einer sanft futuristisch wirkenden Umgebung – gedreht wurde inmitten moderner Architektur in Kopenhagen – herumstromern und sich fragen, was sie hier machen. Vielleicht sind diese etwas hölzern inszenierten Spielszenen der Versuch der Regisseure, das unkonkrete ihrer ursprünglichen Fragestellung, ein wenig konkreter werden zu lassen. Nötig wäre das nicht gewesen, denn auch wenn „Near and Elsewhere“ in seiner Fragestellung und seinem Ansatz so abstrakt ist, dass wirkliche Antworten auf Zukunftsfragen oder gar unmittelbare Lösungsansätze nicht möglich sind: Die Gedanken und Überlegungen der Interviewpartner bietet reiche Inspiration und Anlass, um über die Gefahren, vor allem aber die Möglichkeiten, die die Zukunft bietet, weiterzudenken.
 
Michael Meyns