Öffne meine Augen

Te Doy Mis Ojos
Spanien 2003
Regie: Iciar Bollain
Darsteller: Laia Marull, Luis Tosar, Candela Pena, Rosa Maria Sarda  u.a.
Verleih: timebandits
Länge: 106 Minuten
Kinostart 4.8. 2005

Ausgezeichnet mit 7 Goyas (spanischer Filmpreis) 2004

Szenen einer Ehe geht Iciar Bollain („Blumen aus einer anderen Welt“) in diesem Film auf den Grund. Kammerspielartig lotet sie die Untiefen des Themas Gewalt in der Ehe aus und setzt sich mit sensiblem Gespür für den psychologischen und soziologischen Hintergrund mit einem Thema auseinander, mit dem 25 Prozent aller Frauen schon einmal zu tun hatten.

Gewalt in der Ehe ist für Pilar der Normalzustand. Nach zehn Jahren Ehe liebt sie ihren Mann Antonio immer noch, doch bei seinen regelmäßigen Gewaltausbrüchen empfindet sie nur noch nackte Angst. Doch jetzt reicht es, übereilt packt sie ihre Sachen, weckt ihren kleinen Sohn Juan auf und flieht mit ihm zu ihrer Schwester Ana. Dort angekommen, stammelt sie nur noch verwirrt: „Ich habe ja noch meine Hausschuhe an“. Ana nimmt ihre Schwester auf, und als sie am anderen Tag Sachen aus ihrer Wohnung holt, stößt sie auf Krankenhausrechnungen, die ihr eine gewisse Vorstellung von Pilars Leidensweg geben. Fortan drängt sie Pilar zur Scheidung, verschafft ihr einen Job in der Kathedrale von Toledo und zeigt ihr den Weg in ein unabhängiges Leben. Doch Pilar liebt ihren Mann, und der wird nicht müde, sie zur Rückkehr zu bewegen. Mit kleinen Geschenken und den üblichen Versprechungen versucht er, seine Frau zurückzugewinnen und als er schließlich in eine Therapie einwilligt, gibt ihm Pilar seine letzte Chance.

Dass dies kein leichtes Spiel wird, mag der Zuschauer schon ahnen, doch die Angelegenheit ist aufrichtig und ernst gemeint. Geschickt seziert Regisseurin Iciar Bollain Antonios Gewaltbereitschaft, stellt sie in Zusammenhang mit seiner Erziehung, der Gesellschaft und der Kirche. Wesentliche Faktoren in seiner Beziehung sind Macht und Kontrolle, auch wenn er sich gelegentlich selbst über die Angst erschreckt, die seiner Frau im Gesicht steht, wenn er mal wieder ausrastet. In der Therapie hat er gelernt seine Gefühle zu kontrollieren, doch Pilar stellt ihn vor eine harte Bewährungsprobe. Wenn die junge Frau lange nichts mit ihrem Leben anzufangen wusste, entwickelt sie nun ein gesundes Selbstbewusstsein, will den Halbtagsjob behalten, ja hat sogar einen Job als Museumsführerin in Madrid in Aussicht. Für Antonio eine ganze Batterie von Gründen auszurasten. Ob er sich jedoch in der Gewalt hat und seine Ehe bewahren kann, erfährt man nur im Kino…

Ganz anders als Ingmar Bergmans intellektuelle Auseinandersetzung mit der Ehe behält Bollain den Boden fest unter den Füßen. Die Konflikte sind einfach und nachvollziehbar, während die Partner kaum in der Lage sind, sie zu formulieren. Meist sind sie sich ihres Verhaltens nicht bewusst, was dem Film eine ernsthafte Tiefe gibt. Und am Ende muss man wohl zugeben, Konflikte erkannt zu haben, wie sie in allen erdenklichen Abstufungen wohl in jeder Beziehung, auch der eigenen, vorkommen.

Kalle Somnitz