Oliver Twist

Frankreich 2005
Regie: Roman Polanski
Nach dem Roman von Charles Dickens
Darsteller: Sir Ben Kingsley, Barney Clark, Jamie Foreman, Leanne Rowe, Edward Hardwicke, Mark Strong, Harry Eden
128 Minuten
Verleih: Tobis
Start: 22.12.2005

Das abenteuerliche Schicksal des Waisenjungen Oliver Twist, der sich herumgestoßen und allein durch ein Leben in der Unterschicht kämpft. Meisterregisseur Roman Polanski (Der Pianist) nahm sich dem zeitlosen Stoff von Charles Dickens an und schuf eine unsentimentale Leinwandadaption mit viel Charme.

Menschliche Habsucht und Herzlosigkeit bestimmen den trostlosen Alltag im Armenhaus zu Dunbridge. Die Kinder, die hier leben, werden wie Vieh gehalten und zur niederen Arbeit gezwungen. Eines der kleinen Opfer ist der junge Oliver Twist. Auf ihn fällt das Los, als es darum geht, sich über das magere Essen zu beschweren. Als Folge seiner Aufmüpfigkeit, wird der Waisenjunge als Lehrling an einen Leichenbestatter verhökert. Eine neue Lebensumgebung, in der es ihm jedoch wahrlich nicht besser ergehen soll.

Oliver ist Leid und Kummer gewöhnt. Im Grunde ist ihm Zeit seines kurzen Lebens noch nichts anderes widerfahren. Sämtliche Formen der Schikanierung erduldet er mit der ihm noch verbliebenen Würde. Nicht jedoch die abfälligen Worte, die Noah, der erste Gehilfe des Leichenbeschauers, eines Tages und mit dem Ziel der Provokation über Olivers verstorbene Mutter äußert. Ein handfester Streit ist die Folge. Und ohne jeglichen Sinn für Gerechtigkeit, wird Oliver zur Strafe von seinen Hausherren geprügelt und eingesperrt. Doch kurz darauf schon gelingt ihm die Flucht. Sein Ziel heißt London – für die Menschen im England, Mitte des 19. Jahrhunderts das Symbol für Glück und Freiheit. Ein Ziel, das 70 Meilen entfernt liegt.

Völlig zerlumpt und halb verhungert erreicht Oliver die Metropole. Ein gefundenes Fressen für die Handlanger des alten Fagin (unübertrefflich: Sir Ben Kingsley) – ein stadtbekannter Schurke, der elternlose Kinder zu Taschendieben ausbildet. Auch Oliver soll sich fortan als Ganove nützlich machen. Er weigert sich nicht, denn sein neues Leben erscheint ihm doch angenehmer, als alles was bereits hinter ihm liegt. Seine kriminelle Ausbildung noch nicht abgeschlossen, wird Oliver gleich bei seinem ersten Beutezug geschnappt. Im Grunde hatte er seinen Kumpanen nur beim Diebstahl auf die Finger geschaut, doch konnte nur er den Verfolgern nicht entfliehen. Eine entlastende Zeugenaussage später, wird der durch die Strapazen in Ohnmacht gefallene Oliver ausgerechnet von dem Beschädigten, Mr. Brownlow, aufgenommen. Sein Zuhause im vornehmen Pentonville ist es, das für Oliver zum Ort der Geborgenheit wird. Olivers Entschluss steht fest, hier will er für immer bleiben. Doch leider hat er dabei die Rechnung ohne seine Freunde aus der Unterwelt gemacht.

Die anrührende Geschichte vom Waisenjungen Oliver Twist hat seit der Erstveröffentlichung im Jahre 1837 nichts an ihrer Faszination verloren. Die Buchvorlage von Charles Dickens strotzt nur so vor beständiger Lebenskraft. Eine zeitlose Gesellschaftssatire voller Esprit und Charme. Und eben dieser Charme ist es, den Meisterregisseur Roman Polanski in seiner Kinoadaption einzufangen versteht. In stimmungsvollen und detailgetreuen Bildern gelingt es ihm, einen unsentimentalen Blick auf eine sentimentale Geschichte zu werfen. Taktvoll ausbalanciert und ohne jeden Kitsch, wird Polanski einem Klassiker der Literatur mehr als gerecht. Die liebevolle Ausstattung sowie eine bis in die Nebenrollen überzeugende Besetzung sollen hier nicht unerwähnt bleiben. Und ganz nebenbei liefert Polanski mit „Oliver Twist“ den ultimativen Weihnachtsfilm 2005.

Gary Rohweder