Orangentage

Die Verfilmung des gleichnamigen Jugendbuches der Autorin Iva Procházková handelt von einem Jungen aus dem Lausitzer Bergland, der eine Zeit voller Schmerz, Verlust aber auch der ersten Liebe erlebt. Der zu weiten Teilen im Dreiländereck zwischen Polen, Tschechien und Deutschland gedrehte Film profitiert von seiner ausgewogenen Charakterzeichnung und den aus dem Leben gegriffenen, wahrhaftigen Figuren. Nur bei den Themen, die er behandelt, wäre weniger mehr gewesen.

Webseite: www.barnsteiner-film.de

Deutschland/Polen/Slowakei/Tschechische Republik 2018
Regie & Drehbuch: Ivan Pokorný
Darsteller: Tomás Dalecký, Stanislav Majerund, Emilie Neumeister, Hana Bartonová
Länge: 90 Minuten
Kinostart: 30. Mai 2019
Verleih: Barnsteiner-Film

FILMKRITIK:

Darek (Tomás Dalecký) lebt zusammen mit seinem überforderten Vater (Stanislav Majerund) und seiner geistig behinderten Schwester Ema auf der tschechischen Seite der deutsch-tschechischen Grenze. Seit dem Tod seiner über alles geliebten Mutter weiß er oft nicht, wie es weitergehen soll. Zwar sorgt er sich liebevoll um Ema, aber die Personen in seinem Umfeld bereiten ihm oft Kopfzerbrechen. So zum Beispiel die Haushälterin, die sich – für sein Empfinden – zu sehr an den Vater ranschmeißt. Und möglicherweise den Platz der Mutter einnehmen möchte. Aber dann gibt es da noch die sympathische Hanna (Emilie Neumeister), die verführerisch nach Orangen duftet und Darek ganz schön verwirrt.

„Orangentage“ wurde im Juli und August 2018 vom tschechischen Film- und Theater-Regisseur Ivan Pokorný in Sachsen (Zittau) und Brandenburg (Waltersdorf) gedreht. Pokorný, der gebürtig aus Prag stammt, wurde in Deutschland ab dem Jahr 2000 durch die 13-teilige-Serie „Gespenster unter uns“ bekannt, die er gemeinsam mit dem MDR realisierte. „Orangentage“ beruht auf einem Roman, der 2012 veröffentlicht und mit dem Jugendliteratur-Preis „Luchs des Monats“ prämiert wurde.

In „Orangentage“ steht ein Jugendlicher im Mittelpunkt, der – für sein Alter – in viel zu großen Schuhen steckt. Darek ist ein reflektierter, intelligenter aber nicht zuletzt hochemotionaler Heranwachsender, der auf dem elterlichen Hof mithelfen muss und sich die meiste Zeit auch noch um die Schwester zu kümmern hat. Wie er diesen Balanceakt meistert, ist beachtlich mit anzusehen und zeigt, wie schwer die Last der (zu früh auferlegten) Verantwortung wiegt.  Als Identifikationsfigur für jüngere Kinobesucher eignet sich Darek ganz hervorragend, denn er beweist Stärke, Courage und Willenskraft. Und ganz nebenbei ist er natürlich immer noch Teenager, dessen Sexualität langsam erwacht und der mit seinem besten Kumpel einfach auch gerne mal abhängt.

Eine der größten Stärken des insgesamt sehr lebendig inszenierten Films sind zudem die ambivalenten, vielschichtigen Figuren. Regisseur Pokorný und seine Drehbuchautorin Procházková halten nichts von oberflächlicher, plakativer Charakterzeichnung und austauschbaren Figuren. Im Gegenteil: Die handelnden Personen haben Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Dareks Vater, der seine Kinder letztlich zwar über alles liebt – mit einigen fragwürdigen Entscheidungen aber die Zukunft des Hofs und damit die finanzielle Überlebensgrundlage der ganzen Familie gefährdet. Optisch und akustisch heben sich Rückblenden in die Vergangenheit, in denen stets die verstorbene Mutter zu sehen ist, wohltuend vom Rest des Films ab. Diese kurzen, emotionalen Flashbacks verleihen „Orangentage“ eine gelungene melancholische Note.

Inhaltlich will „Orangentage“ allerdings zu viel. Denn er möchte gleichzeitig Romanze, Coming-of-Age, Sozial- bzw. Familiendrama und Tierfilm sein. Nicht nur, dass Darek Probleme mit einem mobbenden Teenager hat, hartnäckig um das Herz seiner Angebeteten kämpft und für Ema verantwortlich ist. Es tritt auch immer wieder eine Frau vom Sozialamt auf, die überprüft, ob der Vater seinen erzieherischen Pflichten nachkommt. Und eine weitere, völlig neue thematische Komponente hält Einzug, als Darek und sein Vater Pferde auf dem Hof aufnehmen und sich um deren Pflege kümmern. Nicht nur einmal verweist Pokorný in diesem Zusammenhang auf die Missstände bei Pferdetransporten. Ein weiteres Fass, das Pokorný aufmacht und dafür sorgt, dass „Orangentage“ inhaltlich etwas überladen wirkt.

Björn Schneider