Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen

Zwischen Dokumentation und Fiktion, zwischen inszenierten und beobachteten Szenen bewegt sich „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“ von Marita Neher und Tatjana Turansky, der mit seiner Unbestimmtheit, der Vorsicht, mit der er Positionen zur und über die Flüchtlingsthematik umkreist, ziemlich genau in eine Zeit passt, in der Orientierungslosigkeit ganz und gar kein Verbrechen sondern quasi Dauerzustand ist.

Webseite: grandfilm.de

Deutschland 2016
Regie & Buch: Marita Neher & Tatjana Turanskyj
Darsteller: Nina Kronjäger, Anna Schmidt
Länge: 76 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 16. März 2017

FILMKRITIK:

Premieren erlebte „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“ letztes Jahr im Rahmen der Woche der Kritik auf der Berlinale, wo im Anschluss heiß diskutiert wurde, ebenso wie bei einer weiteren Premiere, die in der Berliner Volksbühne stattfand. Die Kontexte dieser Premierenorte deuten schon an, dass man den Film von Tatjana Turanskyj und Martita Neher nicht als Film missverstehen sollte, in den man sich mit einer Tüte Popcorn setzt und nach 100 Minuten leicht unterhalten hinausgeht. Was nicht heißen soll, dass die 76 Minuten von „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“ nicht oder nie unterhaltsam wären, wobei das fraglos Ansichtssache ist. In den ersten Minuten des Films etwa, die noch in Berlin spielen, bzw. genauer gesagt auf Berliner Wasserwegen, wird eine Journalistin gezeigt, die in hübsch überzeichneten Interviewszenen Antworten auf die Frage sucht, wie es denn um die deutsche Seele bestellt ist. Überspitzt und satirisch wirken diese Szenen, aber auch pointiert und selbstreflexiv, so dass schon angedeutet wird, wohin die Reise geht.
 
Bald findet sich die Journalistin (Nina Kronjäger) schließlich in Griechenland wieder, wo sie versucht, der Flüchtlingsproblematik auf die Spur zu kommen. Sie findet ein Flüchtlingscamp, das sie nicht betreten kann und so kurz entschlossen „Interviews“ via lautem hin und her schreien abzuhalten versucht. Bald schließt sich ihr eine Aktivistin (Anna Schmidt) an, die per Anhalter durch das Land trampt, per Handy jedoch stets mit der Heimat verbunden ist.
 
Argwöhnisch umkreisen sich die beiden Frauen, die auf jeweils eigene, irgendwie verbundene, aber doch unterschiedliche Weise mit der Flüchtlingsproblematik zu tun haben. Auch wenn in manchen Szenen dezidiert auf bestimmte Ereignisse Bezug genommen wird – die Geschichte des Protests auf dem Berliner Oranienplatz etwa, wo Flüchtlinge jahrelang ein Zelt betrieben, das Versammlungsort und Infostand, vor allem aber Symbol einer ganzen Bewegung war – geht es den Regisseurinnen um abstraktere Fragen.
 
In einer bezeichnenden Szene etwa konfrontiert die Journalistin die Aktivistin mit deren Leben: Kein Job, aber durch die Wohnung der reichen Eltern unabhängig, die sie auch noch weiter vermietet und davon ihr Leben finanziert. Klarer Fall: Eine Schmarotzerin, heuchlerisch sogar, denn sie beutet andere aus, damit sie selbst sich für Flüchtlinge engagieren kann. Doch so leicht ist es nicht und gerade, dass Marita Neher und Tatjana Turanskyj immer weiterdenken, macht ihren Film so vielschichtig: Protest, Arbeit für und mit Flüchtlingen ist in unserer Gesellschaft eben – so die Replik der Aktivistin – kaum möglich, wenn man sich nicht selbst ausbeutet oder eben reiche Eltern hat.
 
Antworten auf all die Fragen, die die Flüchtlingsproblematik aufwirft geben die Regisseurinnen nicht, wie könnten sie auch? Viel zu kompliziert und oft auch widersprüchlich ist ein Thema, dass Deutschland, Europa, ja, die Welt noch lange begleiten wird. Vor Antworten steht ohnehin der Versuch, zu verstehen und hierbei ist ein Film wie „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“ ein wichtiges Glied: Selbstreflexiv, intelligent, auch scheinbar offensichtliche Positionen hinterfragend und vor allem: Zu Diskussionen anregend.
 
Michael Meyns