Paradise Hills

Es ist beeindruckend, was Alice Waddington mit einem Budget von nur zehn Millionen Dollar machen kann. Visuell ist „Paradise Hills“ eigenständig und von unbeschreiblicher Schönheit, inhaltlich kann der Science-Fiction-Film auch punkten. Es geht um eine junge Frau, die in der nahen Zukunft von ihrer Mutter in einer Einrichtung eingewiesen wird, wo man sie auf den rechten Weg führen soll – damit sie zu einer Ehe mit jemandem, den sie nicht mag, endlich ja sagt. Das ist die Oberfläche, darunter brodelt es in diesem einnehmenden Science-Fiction-Drama aber gewaltig.

Webseite: www.kinostar.com/filmverleih/paradise-hills

Paradise Hills
Spanien 2019
Regie: Alice Waddington
Buch: Brian DeLeeuw, Nacho Vigalondo, Alice Waddington
Darsteller: Emma Roberts, Awkwafina, Milla Jovovich, Eiza Gonzalez, Jeremy Irvine
Länge: 94 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: 29. August 2019
 

FILMKRITIK:

In der nahen Zukunft ist die Gesellschaft in zwei Kasten geteilt: Die Uppers und die Lowers. Uma (Emma Roberts) gehört zu den Uppers, aber nur noch, um den Schein zu wahren, denn nach der Pleite und dem Selbstmord ihres Vaters ist die Familie verarmt. Einen Ausweg sieht ihre Mutter darin, dass Uma einen Upper heiraten soll. Doch Uma weigert sich und wacht so eines Morgens auf einer Insel namens Paradise wieder auf. Doch ein Paradies ist dieser Ort trotz seiner pittoresken Atmosphäre und den eindrucksvollen Gewändern wirklich nicht. Denn unter der Leitung der Herzogin (Milla Jovovich) sollen junge Frauen, die sich nicht so verhalten, wie es ihren Angehörigen gefällt, auf den rechten Weg zurückgebracht werden. Um dieses Ziel zu erreichen, schreckt man auch vor drastischen Mitteln nicht zurück.

Der Film hat ein märchenhaftes Ambiente, das auf den ersten Blick heimelig aussieht, hinter dem sich aber das Grauen verbirgt. Als Zuschauer ist einem das wohl schneller bewusst als der Hauptfigur, aber auch Uma erkennt schon bald, dass auf dieser Insel nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Das ist ein schleichender Prozess, aber einer, der mit jeder Szene intensiver wird, weil die Grenzüberschreitungen, die die Herzogin und ihre Lakaien vollziehen, immer übergriffiger werden, während das Lächeln auf ihrem Gesicht praktisch nie verschwindet. Damit erzeugt die Regisseurin Alice Waddington eine Atmosphäre der Bedrohlichkeit, die im krassen Kontrast zu dem prächtigen Dekor des Films steht.

Die Geschichte ist spannend erzählt, auch wenn die Versatzstücke, aus denen sich die Autoren, darunter auch Nacho Vigalondo, der mit „Timecrimes“ für eine der Sternstunden der Science Fiction der letzten Jahre verantwortlich war, bedienen, doch altbekannt sind. Man fühlt sich hier an die klassische britische Serie „Nummer 6“ erinnert, aber auch an ein Werk wie Michael Bays „Die Insel“ – oder zumindest dessen erste Hälfte, bei der das Science-Fiction-Konzept und nicht die tumbe Action dominiert. Hier wird dies bis zuletzt durchgehalten, als „Paradise Hills“ auch noch einen Fantasy-Anstrich erhält, der etwas zu nebulös bleibt, um wirklich zu überzeugen.

Dafür ist das zugrundeliegende Konzept faszinierend, denn im Kern geht es doch darum, dass Angehörige Menschen verändern wollen, bis sie dem entsprechen, was sie sich wünschen. Das ist nicht nur egoistisch, das ist der ultimative Albtraum, der hier porträtiert wird, da am Ende der Verlust der eigenen Individualität steht. Man kann den Film entsprechend auch so lesen, dass er ein Kommentar auf die weithin immer mehr geächtete Konversionstherapie darstellt, deren Ziel das „Entfernen“ homosexueller und das Erwecken heterosexueller Neigungen ist. „Paradise Hills“ denkt dies konsequent fort, indem es nicht mehr nur um die sexuelle Orientierung geht, sondern praktisch alles optimierbar ist – vom Gewicht über das Verhalten bis zur Duldsamkeit.

Das verpackt Waddington in traumhaft schöne Bilder, tolle Dekors und prächtige Kleider. Sie lässt den Übergang vom Märchen zum Albtraum fließend erscheinen und spielt mit den Erwartungen der Zuschauer. Glaubt man zu wissen, wie die Ziele der Herzogin auf der Insel erreicht werden, so macht der Film Ende noch mal eine Wende und erschafft eine weitere Dimension des Grauens, die den Verlust der Identität als Kommentar auf eine Welt sieht, in der Überleben mit einem hohen Preis verbunden ist, denn die Verzweifelten zu bezahlen bereit sind.

Peter Osteried