Rey

„Rey“ widmet sich dem mythenumrankten Leben des französischen Abenteurers und Anwalts Orélie-Antoine de Tounens. 1860 reiste er ins heutige Chile, um sein eigenes Königreich zu gründen. Sein Ziel: die einheimische indigene Bevölkerung gegen chilenische und argentinische Militärtruppen zu verteidigen. Der avantgardistische Experimentalfilm ist herausfordernd und anspruchsvoll, da vor allem die Bildsprache gängigen Sehgewohnheiten widerspricht. Lässt man sich aber voll und ganz auf den irrlichternden visuellen Stil und die künstlerische Realisierung ein, wird man mit einem innovativen filmischen Erlebnis belohnt.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland, Niederlande, Frankreich, Chile 2017
Regie & Drehbuch: Niles Atallah
Darsteller: Rodrigo Lisboa, Claudio Riveros
Länge: 90 Minuten
Kinostart: 03. Januar 2019
Verleih: Real Fiction

FILMKRITIK:

Mitte des 19. Jahrhunderts reist Orélie-Antoine de Tounens (Rodrigo Lisboa) durch die Wälder Lateinamerikas, um die Königreiche Araucana und Patagonien ins Leben zu rufen. Seit langem schon ist er besessen von der Idee, auf dem Gebiet der Mapuche-Ureinwohner dieses neue Reich zu gründen – mit sich selbst als König. Um sein Traum schnellstmöglich zu verwirklichen, hat er auch gleich eine Hymne, eine Verfassung und eine Flagge im Gepäck. Begleitet wird er von dem ortskundigen Führer Juan Bautista Rosales (Claudio Riveros), der Tounens sicher ins Mapuche-Gebiet bringt. Doch wenig später wird er von den chilenischen Behörden, die koloniale Interessen in dieser Region verfolgen, festgenommen. Tounens muss sich vor Gericht verantworten und wird schließlich zurück nach Frankreich deportiert.

Sieben Jahre lang arbeitete Regisseur Niles Atallah an seinem experimentellen Film „Rey“ (zu Deutsch: König). Beim Dreh nutzte er sowohl Super8- als auch 16mm- und 35mm-Formate und erhielt ergänzend dazu rare Archivaufnahmen aus dem Amsterdamer EYE- Filmmuseum, die er für „Rey“ nutzen konnte. Der 40-jährige, in den USA geborene Atallah wurde international mit seinem mehrfach ausgezeichneten Debütfilm „Lucia“ (2010) bekannt. „Rey“ ist sein erster Film seit der Dokumentation „Ver y Escuchar“ von 2017.

Attalah setzt mit „Rey“ ein ganz außergewöhnliches, sehr ambitioniertes Projekt um. Ein beachtlich gestaltetes Werk, dessen größter Gewinn das unterschiedliche Filmmaterial ist, dessen sich Attalah bedient. Halb verfaultes Filmmaterial wohlgemerkt. Denn nach Beendigung der Dreharbeiten vergrub er das analoge Material in seinem eigenen Garten, um es einem künstlichen Verfall und Alterungsprozess auszusetzen. Die Filmstreifen zerkratzten, wurden fleckig und teilweise zerstört, wodurch sich auf der Leinwand unwirkliche Bilderwelten und mitunter beeindruckende Farbenspiele ergeben: psychedelische Impressionen, traumhafte Farbmusterungen, Bilder voller Streifen und schwarzer Kratzer sowie  verschwommene Aufnahmen, auf denen beinahe nichts zu erkennen ist.

Dazwischen sind klassische Spielszenen zu sehen, die Tounens und seinen Begleiter auf ihrem Streifzug durch die mystische Natur und die prächtigen Waldlandschaften Südchiles und Argentiniens zeigen. Hier mutet „Rey“ wie ein klassischer Abenteuerfilm an und Tounens erinnert dabei immer wieder (nicht zuletzt rein optisch) an den legendären Junker und Abenteurer Don Quijote. Ebenso wie Tounens war Quijote von seiner Mission überzeugt, lebte in seiner eigenen, wahnhaften Wirklichkeit. Seine Phantasie gaukelte ihm vor, ein großer und auserwählter Ritter zu sein. Tounens hingegen hielt sich für einen auserkorenen adeligen Herrscher, der die indigenen Völker verteidigen müsse.

Auch bei den Szenen, die Tounens vor Gericht zeigen, bedient sich Atallah einer ausgefallenen Herangehensweise. Er lässt seine Figuren in einer Art Theaterinszenierung agieren, die Kulissen und Requisiten sind spärlich und reduziert. Hinzu kommt, dass die Protagonisten ihre Gesichter hinter Pappmachémasken verbergen, die den Gesichtszügen der realen Personen nachempfunden sind. Diese Art der Umsetzung mag auf den ein oder anderen verstörend wirken, letztlich passt sie sich dieser ominösen, geheimnisvollen Geschichte um Orélie-Antoine de Tounens aber ganz wunderbar an. Denn ebenso wie sich um das Leben und Wirken dieses Franzosen viele Legenden ranken und einiges im Unklaren ist, genauso verschwimmen die Gesichter der Figuren und damit ihre Identitäten hinter den formelhaften, mysteriösen Masken.

Björn Schneider