Roads

Ein englischer Teenager, der keine Lust mehr hat auf Urlaub mit den Eltern und ein Flüchtling aus dem Kongo, auf der Suche nach seinem Bruder – an einer Straße in Marokko lernen sie sich kennen. Doch der Weg nach Europa ist noch weit, und unterwegs ist nicht jedem zu trauen. Sebastian Schipper („Viktoria“) erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, die sich gegen alle Widerstände behauptet. Nicht immer macht der Regisseur die Motivation seiner Figuren glaubwürdig deutlich, das Flüchtlingsthema wirkt aufgesetzt. Doch die Schauspieler reißen es raus.

Webseite: www.studiocanal.de

Deutschland 2018
Regie: Sebastian Schipper
Darsteller: Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Moritz Bleibtreu, Ben Chaplin
Länge: 100 Min.
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 30.5.2019

FILMKRITIK:

Als wir Gyllen (Fionn Whitehead) zum ersten Mal sehen, steht er irgendwo in Marokko am Straßenrand und telefoniert verzweifelt mit Bekannten. Ob sie einen Trick wüssten, wie man dieses bockige Wohnmobil wieder startklar bekommt? Erst später wird der Zuschauer erfahren, dass Gyllen noch keine 18 ist und keinen Führerschein besitzt. Das Wohnmobil hat er kurzerhand seinem Stiefvater geklaut, um so dem Familienurlaub in Nordafrika zu entfliehen. Glücklicherweise kommt der 18-jährige William (Stéphane Bak) des Wegs. Er ist aus dem Kongo, will nach Europa. Dort lebt sein verschollener Bruder. William kann nicht nur Auto fahren, auch sonst ist er praktischer veranlagt als Gyllen. So werden sie zu Verbündeten. Doch wie sollen die beiden jungen Männer ohne Papiere auf die Fähre nach Spanien gelangen? Im Hafen von Tanger sprechen sie einfach den deutschen Hippie Luttger (Moritz Bleibtreu) an – obwohl er offensichtlich nicht ganz richtig tickt. Nicht nur, dass er mit Rauschgift handelt, er klaut den beiden, kaum in Spanien angekommen, auch das Wohnmobil – mit William an Bord. Gyllen braucht einige Energie und Erfindungsgeist, um Luttger ein Schnippchen zu schlagen. Und dann geht es weiter, durch Spanien nach Frankreich, bis Calais.
 
Ein Road Movie also, und wie in so vielen anderen Road Movies geht es auch hier, im neuen Film von Sebastian Schipper, der 2015 mit „Victoria“ für Furore sorgte, nicht so sehr um das Erreichen eines Ziels, sondern um das Unterwegssein, um eine Reise zu sich selbst. Gyllen und William sind getrieben von Abenteuerlust und einer unbestimmten Sehnsucht, sie wachsen auf ihrer Reise immer stärker zusammen und müssen Entscheidungen treffen, die ihr Leben und das von anderen nachhaltig beeinflussen. Symptomatisch hierfür ist Gyllens Besuch bei seinem leiblichen Vater (Ben Chaplin) in Frankreich. Der will die Dinge wieder richten und Gyllen mit seinem Stiefvater versöhnen. Doch der Junge verweigert sich und zieht einfach weiter.
 
Schipper, dessen „Victoria“ sich zeitlich und örtlich so große Beschränkungen auferlegte, setzt viele Leerstellen. So richtig wird nicht deutlich, warum Gyllen so böse auf seine engsten Mitmenschen ist, warum er andererseits Fremden so großes Vertrauen entgegenbringt. Die Eltern im Urlaub im Stich zu lassen und mit dem leiblichen Vater zu brechen, ist schon ein starkes Stück. Mit ein bisschen mehr Menschenkenntnis hätte er zumindest die Niedertracht und Verantwortungslosigkeit Luttgers erkennen müssen. William hingegen schlägt die Brücke zur aktuellen Flüchtlingskrise.
 
Doch während ein Film wie „Styx“ die Flüchtlingsproblematik auf einen moralischen Konflikt herunter brach, für den es keine Lösung gab, wirkt sie hier seltsam aufgesetzt. Das ändert freilich nichts an den schauspielerischen Leistungen. Sowohl der britische Shootingstar Fionn Whitehead („Dunkirk“) als auch der französische Schauspieler und Stand-Up-Comedian Stéphane Bak („Elle“) machen ihre Sache gut. Ihre Figuren werden zu Freunden in einer Welt, die sich durch die Flüchtlingskrise verändert hat. Da hilft nur Zusammenhalt.
 
Michael Ranze