Roman J. Israel, Esq. – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Fast schien es als wäre der charismatische zweifache Oscar-Preisträger Denzel Washington beinahe nur noch auf die Rolle des Action-Helden abonniert. Doch der hintergründige Noir-Krimi von Regisseur Dan Gilroy („Nightcrawler“) zeigt ihn bei einer schauspielerischen Tour de Force erneut als einmaligen Charakterdarsteller. In seiner Verkörperung als aufrechter Bürgerrechtsanwalt aus den bewegten 1970er Jahren, der versucht seinen einstigen Prinzipien treu zu bleiben, spiegelt sich die Geschichte des „schwarzen Amerikas“. Angesichts von Polizeigewalt gegen Schwarze und der Entwicklungen der Präsidentschaft Trump ist der Stoff heute aktueller denn je. Denn immer noch sind US-Amerikanische Gefängnisse hauptsächlich für Afroamerikaner da.

Webseite: www.sonypicture.de

USA 2017
Regie: Regisseur Dan Gilroy
Darsteller: Denzel Washington, Carmen Ejogo, Colin Farell, Amari Cheatom, Amanda Warren,  Nazneen Contractor, Joseph David-Jones, Andrew T. Lee
Drehbuch:  Dan Gilroy
Länge: 122 Minuten
Verleih: Sony Picture
Kinostart: 19. April 2017

FILMKRITIK:

Seit den Jahren der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung arbeitet Roman J. Israel, Esq unermüdlich als Anwalt für mehr soziale Gerechtigkeit. Die Zeiten von Black Power sind für den afroamerikanischen Aktivisten nicht vorbei. Nach wie vor trägt er ganz selbstverständlich seine ungebändigte Afro-Frisur. In seinem schmalen Apartment grüßt ein Poster von Angela Davis von der Wand. Die Ikone der Menschenrechtsbewegung kämpfte  neben Martin Luther King und Malcom X für ein gerechtes, friedliches Amerika. Während sein langjähriger Partner William Henry Jackson, das Gesicht ihrer Kanzlei ist und sie vor Gericht vertritt, recherchiert  er in seinem Hinterzimmer die Fälle und arbeitet ihm zu.

Doch als sein Sozius Jackson an einem Herzinfarkt stirbt ändert sich alles. Plötzlich findet sich Roman in einer Welt wieder, in der er sein Idealismus wie ein Relikt wirkt. Vor den Schranken des Gerichts eckt er mit seiner moralisch aufrechten Art nur an. „Mr. Israel ich belange sie wegen Missachtung des Gerichts“, stoppt ihn der Richter als er seinen Klienten verteidigt. Aber das ist noch nicht alles. Kurz darauf steht er buchstäblich auf der Straße. Grund: Die Kanzlei seines Partners schreibt schon seit Jahren rote Zahlen. Jacksons Tochter Lynn (Amanda Warren) sieht keinen anderen Ausweg, als sie zu schließen.

Romans Versuch weiter als engagierter Anwalt die schwarze Community zu unterstützen scheitert. Denn auch im Gemeindezentrum fehlt das Geld. Ein kleiner Trost: Sozialarbeiterin Maya (Carmen Ejogo) schlägt ihm vor am Abend einen Vortrag zu halten. Er soll jungen Schwarzen  rechtlichen Rat zu geben, was zu tun ist, wenn sie bei einer Demonstration verhaftet werden. Seine altmodische Ritterlichkeit was Frauen betrifft, kommt jedoch weniger gut an. „Sie waren ein Eckpfeiler der Bürgerrechtsbewegung, wir stehen auf ihren Schultern“, versucht Maya den finanziell schwer angeschlagenen Idealisten wieder aufzubauen. „Von irgendwas musst du leben“,  macht ihm nach der Beerdigung seines Partners freilich der junge, reiche Strafverteidiger George Pierce (Colin Farrell) klar.

Jackson war sein ehemaliger Mentor und so fühlt er sich für Roman verantwortlich. Der zieht schweren Herzens in seine schicke Kanzlei in LAs Inner City. Umsonst versucht er Pierce von seinen jahrelangen Recherchen zu einer Sammelklage zu überzeugen, die endlich für mehr Gerechtigkeit für die schwarze Unterschicht sorgen würde. Nach und nach fragt sich freilich auch Roman warum er sich für die scheinbar Undankbaren einsetzt und dabei selbst auf der Strecke bleibt. Ein Gewissenskonflikt, der ihn umtreibt. Schließlich will er auch einmal auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Und er hat da bereits eine riskante Idee. Seinem Glück etwas nachzuhelfen, kommt ihm freilich teuer zu stehen.      

Regisseur Dan Gilroys („Nightcrawler“) dichte Inszenierung ist ein einzigartiger Genre-Mix aus Charakterstudie, Melodram, Thriller und Gerichtsfilm. Getragen wird sein Krimi-Noir, der ein Psychogramm eines um seine moralische Integrität kämpfenden Menschen entwirft, vor allem von Oscar-Preisträger Denzel Washington. Dem charismatischen Charakterdarsteller gelingt es, ohne manieriertes Schauspiel die ganze Komplexität seiner Figur zu vermitteln. Unterstützt wird er dabei nicht zuletzt von Soul- und Funk-Klassikern der 60er und 70er. Sein Hauptdarsteller lebt mit der Musik aus dieser bewegten Zeit. Sie bildet sein mentales Rückgrat wider den Zeitgeist. Nicht umsonst bewirkte dieses Erbe des Black-Power-Movements eine Kulturrevolution, schrieb politische Geschichte und brachte die Verhältnisse zum Tanzen.

Luitgard Koch