Schönheit und Vergänglichkeit

30 Jahre – eine lange Zeit. Drei Berliner erzählen von ihrer Jugend und ihrer Freundschaft im Ostteil der Stadt: die Fotografen Sven Marquardt, bekannt als Türsteher im Techno-Club Berghain, und Robert Paris, der heute in Indien lebt, sowie Dominique Hollenstein, ehemaliges Model. Annekatrin Hendel (u. a. „Die Familie Brasch“) verbindet Fotos und Geschichten zu einem sehr sehenswerten, sehr berlinerischen Porträt einer Zeit, die bis heute wirkt. Dabei geht es nicht um eine nostalgische Rückschau, sondern eher um Stimmungen und Veränderungen, nicht nur der Menschen, sondern auch ihrer Umgebung.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Regie und Buch: Annekatrin Hendel
79 Minuten
Verleih: realfiction
Kinostart: 5. Dezember 2019

FESTIVALS/PREISE:

2019 Berlinale, Heiner-Carow-Preis

FILMKRITIK:

Sven Marquardt, der beinahe schon legendäre Türsteher des Berghain, war und ist im Hauptberuf Fotograf. Aufgewachsen in den 60er Jahren im Ostteil Berlins, gehörte er in den 80er Jahren zur DDR-Subkultur, die – ähnlich wie im Westteil der Stadt – von Punk und Glamrock geprägt war sowie von einem sehr eigenen, originellen Kunstbegriff. Sven porträtierte die damaligen Akteure und Models in Lack und Leder, mit Spitzenschleier oder Maske. Er wurde Modefotograf für die angesehene DDR-Mode- und Frauenzeitschrift „Sibylle“, und er hatte ein weibliches und ein männliches Lieblingsmodell: Dominique Hollenstein und Robert Paris. Die Drei haben nie den Kontakt zueinander verloren, ihre Freundschaft ist geblieben, obwohl sich ihre Lebenswege mit dem Älterwerden trennten. Für eine geplante Ausstellung mit neuen Fotos trifft sich Sven Marquardt mit Dominique „Dome“ wieder und fotografiert sie, wie vor 30 Jahren, wie immer in Schwarz-Weiß, zu Beginn oft in ähnlichen Posen, später auch mal ganz anders. Auf einem Bild lacht sie sogar; das war seinerzeit unvorstellbar, sind sich beide einig. Der hübsche, wasserstoffblonde Robert Paris war ein gemeinsamer Schwarm, sie vergleichen ihre Situation mit „Cabaret“, wo alle ineinander verliebt waren. Robert Paris war ebenfalls Fotograf, ebenfalls immer in Schwarz-Weiß, aber seine Motive waren Gebäude und Mauern, von Menschen gestaltete Materie. Mit Aufnahmen von Ruinengrundstücken, Mietskasernen und Straßenzügen wurde er zum Chronisten des alten Ost-Berlin. Inzwischen lebt er mit Frau und Kind in Indien, kommt nur zum Arbeiten als Museumstechniker ab und an nach Berlin. Er fotografiert nur noch zum Spaß.
 
Ein ganz besonderer Berlin-Film ist diese Geschichte über Freundschaft, übers Älterwerden und über die Suche nach dem Besonderen, inszeniert von Annekatrin Hendel, die 2011 mit „Vaterlandsverräter“ ihr viel beachtetes Kinodebüt feierte. Der Film wirkt, als sei er in ein paar Tagen gedreht worden, im Rahmen eines Fotoshootings mit Dome, das sie und Sven Marquardt wieder einmal zusammenbringt. Aufgrund der Arbeitssituation gibt es kaum interviewtypische Situationen, keine „talkingheads“. Die Filmemacherin spricht selbst mit, sie ist zwar nicht zu sehen, aber oft zu hören – ihre Fragen, ihre Einwürfe, beinahe so, als sei sie Teil der Gruppe. Dadurch erhält der Film einen lockeren Gesprächscharakter, vieles wirkt ganz unbefangen dahergesagt, und dann ist es plötzlich eine Lebensweisheit. Dome, die sich von allen wahrscheinlich am wenigsten verändert hat, äußerlich und innerlich, lebt in einem Feenstübchen – ein Zimmer voller Helligkeit, duftigen Farben, künstlichen Blumen und mit einer Unzahl von vermutlich erinnerungsträchtigen Gegenständen, beinahe wie eine überdimensionale Puppenstube, doch diese Frau ist alles andere als abgehoben. Im Gegenteil ist sie sehr gut darin, unerwartete Wahrheiten rauszuhauen. Du kannst nicht immer fliegen, habe die Mutter gesagt. Aber sie habe gesagt, doch, das könne sie. Sie ist die bodenständigste des Dreigespanns, lebt von Kunstblumen, die sie selbst herstellt und für gutes Geld in Bayern verkauft, handgearbeitete Rosen aus Leder zum Anstecken. Die Zeit als Model ist für sie, die Verwandlungskünstlerin vor der Kamera, schon lange vorbei. Keiner von den Dreien führt ein braves, bürgerliches Karriereleben, und erstaunlicherweise bringen sie das selbst kaum mit der DDR in Verbindung. Es scheint durch, dass die beiden Männer ihre Krisen hatten, aus denen sie sich herausretten konnten. Sven ist dabei der zart Besaitete mit dem martialischen Aussehen – sogar im Gesicht tätowiert, gepierct und bärtig. Ihm half die Arbeit im Berghain, dessen Aushängeschild er als Türsteher wurde, inzwischen arbeitet er wieder als Fotograf und als Dozent. Robert Paris wanderte nach Indien aus. Ihnen allen gemeinsam ist der Dialekt und eine erfrischende, irgendwie sehr berlinerische Sicht der Dinge: die Untertreibung als Mittel zur Vergangenheitsbewältigung oder der schnell formulierte Gag nebenbei. Ob es ums Altern geht oder um die Vergangenheit, der Humor ist immer da. „Schönheit und Vergänglichkeit“, sagt Dome, darauf angesprochen, dass sie keine alten Fotos von sich hat. Ein Ex-Lover hat sie zerstört, wahrscheinlich aus Eifersucht auf die Aktbilder, von denen es viele gab, auch für die „Sibylle“ damals, die Avantgarde-Modezeitschrift der DDR. Svens und Roberts Fotos führen visuell durch den Film. Von Sven die vielen Porträts, oft extrem künstliche Arrangements. Roberts Berlin-Bilder hingegen zeigen eine Stadt ohne Menschen, leere Straßen, blinde Fenster, Strukturen in Mauern. Auffällig ist, dass die Drei das Leben in Ost-Berlin nicht klischeehaft glorifizieren, wie es vielfach üblich ist. Für sie war diese Jugend und die gemeinsame Zeit in den 80ern etwas Besonderes, sie mussten dafür Widerstände überwinden, aber sie hatten den Mut, anders zu sein. Und so ist es geblieben.
 
Gaby Sikorski