Señor Kaplan

Auf seine alten Tage will der als Kind von Polen nach Montevideo geflüchtete Jacob Kaplan noch in die Geschichtsbücher eingehen. Inspiriert von den Taten eines Simon Wiesenthal heftet er sich auf die Fersen eines geheimnisvollen Deutschen, den er für einen in Uruguay untergetauchten Nazi hält. In seiner Heimat feierte die sommerlich leichte Komödie mit einem senilen Helden und seinem Chauffeur große Erfolge und war der Beitrag Uruguays für den Auslands-Oscar 2015. Er wurde bereits auf mehreren internationalen Filmfestivals ausgezeichnet und erntete auch beim 22. CineLatino in Tübingen als Abschlussfilm reichlich Applaus.

Webseite: www.neuevisionen.de

Originaltitel: Mr. Kaplan
Uruguay/Deutschland 2014
Regie: Alvaro Brechner
Mit Héctor Noguera, Néstor Guzzini, Rolf Becker, Nidia Telles, Nuria Fló, Leonor Svarcas, Gustavo Saffores
98 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 16.7.2015
 

FILMKRITIK:

Mit seinen 76 Jahren weiß Jacob Kaplan (Héctor Noguera), dass ihm nicht mehr viele Jahre bleiben. Umso mehr fragt sich der als Kind ohne die Eltern aus Polen Richtung Südamerika geflüchtete Jude, was er denn geleistet hat in seinem Leben, woran man sich später einmal an ihn erinnern wird. Das Gefühl, ein Niemand zu sein, wird ihm auch bei einer Einladung bewusst, wo er und seine Frau (Nidia Telles) offenbar auf der Gästeliste vergessen wurden. Als sie diese Hürde dennoch überwinden, finden sie sich auf viel zu niedrigen Ersatzstühlchen an der gedeckten Tafel wieder – ein herrliches Bild für einen, der das Gefühl hat, übersehen worden zu sein.
 
Doch dann – die Handlung spielt im Jahr 1997 – wittert Señor Kaplan seine Chance auf die ihm bisher versagte Anerkennung. Von der Enkelin schnappt er auf, wie diese einen Café-Besitzer am Strand als „der Nazi“ bezeichnet, zusätzlich entfacht ein Artikel über den Nazijäger Simon Wiesenthal in ihm den Wunsch, ähnliches zu leisten. Zusammen mit seinem Chauffeur Wilson (Néstor Guzzini), einem privat wie beruflich vom Pech verfolgten Ex-Polizisten, der dem stark fehlsichtigen Señor Kaplan als Fahrer zu Diensten gestellt ist, will er den geheimnisvollen Deutschen ausfindig machen, entführen und an Israel ausliefern. Dass der Deutsche (Rolf Becker) sein Lokal Estrella wie ein Schiff der Deutschen Wehrmacht, das zum Ende des Zweiten Weltkriegs heimlich in Buenos Aires vor Anker ging, benannt hat, bestärkt den Rentner in seinen Vermutungen.
 
Es hat etwas sehr Heiteres, wie unbedarft Señor Kaplan als Amateurermittler ans Werk geht und zusammen mit seinem Partner Erinnerungen an ein Gespann à la Don Quichote und Sancha Panza weckt. Dass sie für die Entführung ein Nilpferdbetäubungsmittel einsetzen, mag übertrieben erscheinen, fügt sich aber bestens in diese Geschichte ein, die sich warmherzig, sympathisch und vor allem leicht erzählt in ihrer Geradlinigkeit nicht von ihrem Weg abbringen lässt. Wohlgemerkt: hier wird nicht geblödelt, sondern mit Humor und einem Augenzwinkern ein ernsthaftes Anliegen vor dem Zuschauer ausgebreitet und eine Mission vollzogen, deren Stärke darin liegt, dass sie ohne großes Gepolter inszeniert ist.
 
Héctor Noguera wirkt in seinem zwischen Komik und Tragik wechselnden Spiel phasenweise wie der demente und dickköpfige Rentner Woody Grant in Alexander Paynes „Nebraska“, großartig gespielt damals von Bruce Dern. Dass das Leben oft eine Mischung aus Drama und Komödie ist, wird schließlich auch im Sidekick Wilson deutlich. Eingewoben in die Geschichte ist aber auch das Motiv des Überlebens und der dazu manchmal notwendigen Instinkte. Regisseur Alvaro Brechner, 1976 als Enkel eines polnischen Emigranten – wie Señor Kaplan musste auch sein Großvater die Angehörigen zurücklassen – in Montevideo geboren, zeigt dies schon in der Eingangssequenz mit dem Bad und der Rettungsaktion eines Nichtschwimmers in einem Swimmingpool, überträgt dieses Motiv aber auch auf die Figur von Wilson wie auch den von Rolf Becker gespielten Deutschen.
 
Das Timing für die Pointen stimmt, die in goldenen und warmen Tönen komponierten Bilder unterstreichen die Stimmung von Sommerlichkeit und Leichtigkeit, die Holocaust-Thematik bleibt in ihrer leidvollen Dimension nur eine Randnotiz und ist mindestens so weit entfernt wie der Ozean zwischen Südamerika und Europa breit und tief. Dafür aber gelingt dem Soundtrack mit seiner lateinamerikanischen Grundierung und den eingestreuten Klezmerzitaten die ideale Mischung für diese in Uruguay mit sieben nationalen Filmpreisen ausgezeichnete Produktion, die außerdem auch Erfolge beim Internationalen Festival des Lateinamerikanischen Kinos in Biarritz und beim Mar del Plata Film Festival feiern konnte.
 
Thomas Volkmann