Singstreet

Keiner bringt die Faszination von Musiksongs schöner auf die Leinwand: Mit „Once“ wurde er berühmt, mit „Can a Song Save Your Live?“ variierte er sein Lieblingsthema mit Stars wie Keira Knightley und Mark Ruffalo – mit „Sing Street“ beschwört der irische Regisseur John Carney nun erneut die Kraft der Musik und der Liebe. Schauplatz ist diesmal das Dublin der 80er Jahre, was Spuren typischen britischen Sozialrealismus erzeugt, vor allem aber höchst unterhaltsame Nostalgie. Eine mitreißende, sehr überzeugende Ode an die Musik und die Liebe – fast noch schöner als "Can a Song…"!

Webseite: www.singstreet.de

GB/ Irland 2015
Regie & Buch: John Carney
Darsteller: Ferdia Walsh-Peelo, Lucy Boynton, Jack Reynor, Maria Doyle Kennedy, Aiden Gillen, Kelly Thornton
Länge: 106 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 26. Mai 2016
 

FILMKRITIK:

Mitte der 80er Jahre in Dublin aufzuwachsen ist ein hartes Brot: Die Rezession hat weite Teile der Gesellschaft erfasst, die Straßen sind grau, ebenso die Schuluniformen. Wenn man dann noch wie der 15jährige Conor (Ferdia Walsh-Peelo) ein wenig anders, ein wenig sensibler ist als seine Kameraden auf einer katholischen Schule, hat man es erst recht nicht leicht. Gleich am ersten Tag wird Conor von einem Rüpel in das Gesetz der Straße eingeführt, doch es gibt einen Lichtblick: Vor einem Haus gegenüber der Schule steht Raphina (Lucy Boynton) und scheint darauf zu warten, dass in ihrem Leben etwas passiert. Eigentlich soll das eine Modelkarriere sein, doch statt dessen begegnet ihr Conor.
 
Allen Mut nimmt Conor zusammen, spricht Raphina an und fragt sie, ob sie in einem Musikvideo mitspielen möchte. Überraschenderweise sagt sie zu und Conor steht vor einem Problem: Er hat noch keine Band. Kurzentschlossen trommelt er ein paar Schulfreunde zusammen und beginnt Songs zu schreiben. Unterstützt von seinem Bruder Baxter (Don Wycherley), selbst ein verhinderter Musiker, der seine Träume längst begraben hat, entwickelt sich Conors Talent – und sein Selbstvertrauen.
 
Schon in „Once“ mit Glen Hansard und Markéta Irglová und in „Can a Song Save Your Live?“ mit Adam Levine (neben Keira Knightley), spielten mehr oder weniger erfolgreiche Musiker die Hauptrollen in seinen Filmen – und auch für seinen dritten Musikfilm hat John Carney einen schauspielerischen Laien gecastet, der bislang nur als Musiker Erfahrung hat. Schon seit er sieben Jahre alt war, hat Ferdia Walsh-Peelo als Sopranist auf der Bühne gestanden und sammelte auch als Pianist Erfahrung. Kein Wunder also, dass er als aufstrebender Popstar vom ersten Moment an eine so gute Figur abgibt.
 
Inspiriert vom Mitte der 80er Jahre gerade in Mode kommenden Medium Musikvideo, fühlt sich Conor berufen, in die Fußstapfen von Bands wie Duran Duran, Spandau Ballet oder The Cure zu treten. Ist er in den ersten Szenen noch ganz brav gescheitelt, bieder und zurückhaltend, entwickelt sich im Verlauf des Films sein Stil, wird die Schule zum Laufsteg für allerlei 80er Jahre Mode. Viel romantisierte Nostalgie ist im Spiel, wenn Conor und seine Bandkollegen in ausgewaschenen Jeans, Leder-Blousons, hochtoupierten Haaren und dramatisch geschminkten Augen ihre ersten Videos drehen, ganz amateurhaft, doch getragen vom Glauben an die eigene Qualität. Dass sich ein paar Schuljungs binnen kürzester Zeit von einer rumpeligen Band in erstaunlich talentierte Musiker verwandeln, muss man schlucken, zu mitreißend ist John Carneys Film, zu überzeugend seine erneute Ode an die Musik und die Liebe.
 
Anfangs deutet Carney mit Dokumentaraufnahmen und einigen Familienproblemen zwar einen gewissen Sozialrealismus an, der jedoch kaum mehr als Staffage bleibt. Im Kern erzählt „Sing Street“ von der Kraft der Träume, dem Glauben daran, alles erreichen zu können, wenn man es nur versucht und alles dafür gibt. Man mag das ein wenig naiv finden, doch genau so funktioniert ja auch ein guter Popsong. Und wenn dann Conor und Raphina endlich zueinander finden und den Ausbruch aus ihrer grauen Welt wagen, kann man nicht anders, als ihnen alles Gute wünschen.
 
Michael Meyns