Sohn der weißen Stute

Vor gut 40 Jahren drehte Marcell Jankovics einen Klassiker des Animationskinos, der nun in makellos restaurierter Form wieder verfügbar ist: „Sohn der weißen Stute“ ist inhaltlich ein Märchenfilm, lose auf ungarischen Volkssagen basierend, aber stilistisch ein Rausch, bildgewaltig, farbgesättigt, kaleidoskopartig, schlicht und ergreifend atemberaubend.

Website: https://cinemaobscure.blogspot.com/2020/06/sohn-der-weien-stute-4k-restauriert-ab.html

OT: Fehérlófia
Ungarn 1981 – Animationsfilm
Regie: Marcell Jankovics
Buch: László György, Marcell Jankovics
Länge: 81 Minuten
Verleih: Drop-Out Cinema
Kinostart: 13. August 2020

FILMKRITIK:

Als sich Marcell Jankovics Ende der 70er Jahre an die Arbeit für seinen ersten Langfilm machte, war der ungarische Regisseur für seine Kurzfilme schon mit einer Oscar-Nominierung und einer Goldenen Palme ausgezeichnet worden. Jahrelang arbeiteten Jankovics und seine Mitarbeiter an „Sohn der weißen Stute“, der Ende 1981 in Ungarn in die Kinos kam und bald auch im Ausland Kultstatus erlangte. Nur zwei weitere Langfilme konnte Jankovics seitdem beenden, der letzte, eine Version der Adam und Eva-Geschichte kam 2011 ins Kino.

Für sein Debüt griff Jankovics nicht auf biblische Legenden zurück, sondern auf ungarische Volksmärchen, die er inhaltlich werkgetreu adaptierte, visuell aber mit etlichen zeitgenössischen Elementen anreicherte. Erzählt wird von Fanyüvő, auf Deutsch Baumausreißer, der Sohn der weißen Stute. Diese konnte aus der Unterwelt fliehen und fand Obdach in einem riesigen Baum, der aus 77 Wurzeln und 77 Ästen bestand. Sie gebar drei Söhne: Neben Baumausreißer sind dies Steinbröckler und Betonkneter. Gemeinsam macht sich das Trio auf, um drei Prinzessinnen zu retten und drei Drachen zu besiegen.

Die Zahlenmystik, geometrische Ordnung und zyklische Natur, die sich in dieser klassischen, märchenhaften Handlung andeutet setzt sich in den Bildern fort, die das eigentlich spektakuläre von Jankovics Film sind. Vom ersten Moment an entfaltet sich ein überbordender Strom an Bildern, Formen und Farben, meist nicht durch harte Schnitte verbunden, sondern weich ineinanderfließend, die dem Reigen einen rauschhaften Charakter verleihen.

Weniger an typische Animationsfilme erinnert das, als an die abstrakten Versuche über Form und Bewegung, wie sie in den 30er Jahren im Bauhaus-Umfeld entstanden oder die Experimente mit Ton und Farben des kanadischen Experimentalfilmers Norman McLaren. Losgelöst von erzählerischen Konventionen oder gar von Kategorien wie Logik und Realismus, lässt Jankovics seiner visuellen Phantasie freien Lauf und reizt die Möglichkeiten des Animationsfilms bis an die Grenze aus.
Als würde man in ein Kaleidoskop blicken mutet „Sohn der weißen Stute“ oft an, ein Eindruck, der durch die fast quadratische Leinwand und die Betonung auf geometrische Formen wie dem Kreis und dem Dreieck noch verstärkt wird. Farblich bestimmen Pastelltöne die Palette, klare Farben, die in dieser restaurierten Fassung satt und leuchtend erscheinen und einen enormen Sog erzeugen.

Spätestens wenn in der Unterwelt Drachen auftauchen, die weniger an klassische, echsenartige Wesen erinnern, sondern teils wie Panzer, teils wie vieltürmige Hochhäuser erinnern mag man „Sohn der weißen Stute“ auch als Reflexion über die Moderne, die negativen Aspekte des Fortschritts verstehen, doch diese ideologisch deutlichen Momente verblassen hinter der klaren, einfachen Märchenerzählung. Diese mag zwar auf ungarischen Motiven basieren ist aber in erster Linie eine universelle Variation der ewigen Geschichte vom Kampf des Guten gegen das Böse. Vor allem aber ist die Handlung nur der lose Aufhänger für einen Film, der auf atemberaubende, experimentelle Weise die Möglichkeiten auslotet, eine Geschichte in erster Linie mit Bildern zu erzählen, weniger auf den Intellekt zu zielen, als auf Emotionen und Sinne.

Michael Meyns