Streetscapes [Dialogue]

In „Streetscapes [Dialogue]“ wird der Zuschauer Zeuge eines psychoanalytischen Gesprächsmarathons zwischen Regisseur Heinz Emigholz und seinem Therapeuten. Neben der prägenden Kindheit des Filmemachers, geht es um Themen wie Architektur, kreative Prozesse und Ausdrucksformen. Die Mischung aus Seelenstriptease und nachgestelltem Zwiegespräch auf hohem sprachlichem Niveau, ist vor allem für ein interessiertes Nischenpublikum geeignet. Wer sich darauf einlässt, kommt in den Genuss eines intellektuell herausfordernden Dialogs, dessen Inhalte mit der umgebenden Architektur verschmelzen.

Webseite: www.filmgalerie451.de

Deutschland 2017
Regie & Drehbuch: Heinz Emigholz
Darsteller: John Erdman, Jonathan Perel, Natja Brunckhorst
Länge: 132 Minuten
Verleih: Filmgalerie 451
Kinostart: 12. Oktober 2017

FILMKRITIK:

Heinz Emigholz vertraute sich dem Trauma-Spezialisten Zohar Rubinstein an und diskutierte mit ihm über Arbeitsprozesse und sein Kunstverständnis, aber auch über Themen wie Depressionen. Mitten in der Therapie kam ihm die Idee, das Gespräch zur Grundlage eines Films zu machen. In „Streetscapes [Dialogue]“ schlüpfen die Schauspieler John Erdman und Jonathan Perel in die Rollen von Emigholz und Rubinstein, und stellen deren Unterhaltungen nach. Ihre Gespräche führen sie an verschiedene, markante Orte der uruguayischen Metropole Montevideo.

Heinz Emigholz wurde 1948 in Bremen geboren und realisierte in den frühen 70er-Jahren seine ersten Experimental- und Avantgardewerke. Seit jeher fließt sein Interesse für Landschaften, städtische (Hintergrund-)Kulissen und die filmische Umgebung, in seine Filme ein. Weltpremiere feierte „Streetscapes [Dialogue]“ in diesem Jahr auf der Berlinale.

Auf den ersten Blick wirkt der Film hinsichtlich seiner Dramaturgie und der verwendeten Stilmittel, wie ein Paradebeispiel für inszenatorischen Minimalismus. Im Zentrum stehen über 120 Minuten lediglich zwei Menschen, die sich angeregt über teils intellektuell höchst anspruchsvolle Inhalte unterhalten.  Einen wichtigen, losen thematischen roten Faden bilden dabei die Sinn- und Schaffenskrisen von Emigholz, die immer wieder zur Sprache kommen. Sie sind mitverantwortlich für seine Depressionen.

So berichtet Emigholz (bzw. stellvertretend für ihn der Schauspieler John Erdman) häufiger über seine emotionalen Zusammenbrüche und Unsicherheiten. Etwa wenn er vor  Filmfestivals Sorge hat, ob er die an ihn gestellten Erwartungen erfüllen kann. Auch habe er Angst,  dass er sein Publikum und die Kritiker langweilen könne, wie er in einer Szene erklärt. Zudem zeigt sich, dass Emigholz nur schwer mit Lob umgehen kann. Dies alles zeugt von einem Menschen, der von tiefen Selbstzweifeln geplagt wird.

Dass der Filmemacher schon früher mit inneren Dämonen zu kämpfen hatte, wird durch einen lange zurückliegenden Vorfall klar. Emigholz war Anfang 20, als er auf der Suche nach Idylle und Inspiration für einen neuen Film, in die Lüneburger Heide fuhr. Der Ausflug in die Natur endete für ihn mit einer Flut an plötzlich aufkommenden Ängsten und Emotionen, die ihn letztlich weinend zusammenbrechen ließ.

Erdman und Perel spielen die Rollen von Regisseur und Trauma-Spezialist äußerst nüchtern, zurückgenommen und regelrecht emotionslos. Davon geht ein großer Reiz aus, gerade weil es in den Gesprächen eben oft um Gefühle und sehr sensible Themen geht. Ein vielschichtiger Gegensatz, der seine Wirkung nicht verfehlt. Der Psychologe erkennt, dass die Gründe für Emigholz‘ Ängste in den traumatischen Kindheitserinnerungen liegen. Eine Kindheit im zerstörten Bremen zwischen Ruinen und einem ständigen Mangel. Vor allem einem Mangel an Privatsphäre und Platz, da die Familie die ohnehin viel zu kleine Wohnung, mit anderen Personen teilte.

Darüber hinaus geht es in den Unterhaltungen aber auch um höchst  komplexe, sehr spezifische Themen, die Emigholz als Künstler umtreiben. So sprechen die Beiden  z.B. angeregt  über die Bedeutung von architektonischen Kulissen, schöpferische Kräfte sowie die Gleichberechtigung von Vordergrund und Hintergrund. Apropos Hintergrund. Es lohnt, seine Aufmerksamkeit zudem auf die unterschiedlichen Schauplätze zu richten, an denen die Gespräche stattfinden. Und: in welcher Perspektive diese von der Kamera eingefangen sowie in Bezug zu den beiden Personen im Vordergrund, gesetzt werden. Denn durch die Perspektivwechsel erzeugen die eigentlich einfachen Standbilder der vielfältigen Architektur, eine ganz außergewöhnliche, ästhetische Wirkung.

Björn Schneider