The Chinese Lives of Uli Sigg

Der Schweizer Unternehmer und Diplomat Uli Sigg steht im Zentrum der Doku „The Chinese Lives of Uli Sigg“. Einen Namen machte er sich vor allem als Kunstkenner, der die weltweit größte Sammlung an zeitgenössischen chinesischen Kunstwerken zusammentrug. Der informative, mit reichlich seltenem Archivmaterial angereicherte Film zeichnet nicht nur ein exaktes Bild vom Leben und Wirken Siggs. Er veranschaulicht zudem den Wandel Chinas von einem verarmten Bauern- zu einem modernen Industriestaat, der mittlerweile auch seine Künstler wertschätzt – von den späten 70ern bis heute.

Webseite: www.ulisiggmovie.com

Schweiz 2016
Regie & Drehbuch: Michael Schindhelm
Darsteller: Uli Sigg, Ai Weiwei, Cao Fei, Fang Lijun, Wang Guangyi, Lang Lang
Länge: 93 Minuten
Verleih: One Filmverleih
Kinostart: 03. August 2017

FILMKRITIK:

“The Chines Lives of Uli Sigg” handelt von eben jenem, aus Luzern stammenden Uli Sigg. Wie kaum ein anderer Westeuropäer, prägte Sigg unser Bild von der chinesischen Gegenwartskunst. Nach China kam er Ende der 70er-Jahre als Mitarbeiter des Schindler-Konzerns, um im maoistisch-leninistisch geprägten Land das erste Joint Venture aufzubauen. Der Film zeichnet sowohl Siggs Anfänge im kommunistischen China sowie seine Bedeutung als einer der wichtigsten Kunstsammler, nach. Zu Wort kommen frühe Weggefährten und Familienmitglieder aber auch befreundete asiatische Künstler.

„The Chinese Lives of Uli Sigg” stammt von Michael Schindhelm, der einer breiten Öffentlichkeit vor allem als Theaterintendant in Basel bekannt wurde. Heute arbeitet er u.a. als Autor und Kulturarbeiter. Ihre Weltpremiere erlebte die Doku 2016 auf dem Filmfest von Locarno. Für seinen Film reiste Schindhelm gemeinsam mit Sigg auch nach China, u.a. in jene schon längst  stillgelegten, immer weiter verfallenden Fabrikhallen, in denen für Sigg mit dem Joint Venture 1979 alles begann.

In Mittelpunkt des Films steht ein Mann, von dem viele wahrscheinlich noch nie etwas gehört haben. Ein Mann, der aber so wichtig ist für die Bewahrung und das Sammeln von chinesischer Kunst von ca. 1979 bis heute (zeitgenössische Kunst) ist, wie kein anderer. Diesem Aspekt widmet sich der Film ausführlich, allen voran in Form von Interviews mit befreundeten Künstlern. Schon seit Mitte der 70er-Jahre, sammelt der heute 71-jährige Sigg chinesische Skulpturen, Gemälde, Installationen und Plastiken. Für wichtige Gegenwartskünstler wie Ai Weiwei, Cao Fei, Fang Lijun oder Wang Guangyi ist er Freund und Mentor. Ihm vertrauten sie ihre Werke an, um sie vor der bewussten Zerstörung durch die Autoritäten  und Entscheidungsträger zu schützen.

Den größten Teil der Sammlung, schenkte der Mann mit dem  unverwechselbaren Gesicht mittlerweile dem Museum M+ in Hong Kong. Das Museum wird  2019 eröffnen und die Exponate der Öffentlichkeit präsentieren. Alle oben erwähnten Künstler und noch weit mehr, schildern im Film ausführlich ihre Beziehung zu Sigg. Und: wie er ihr Vertrauen gewann. Den Kunstobjekten selbst widmet sich „The Chinese Lives of Uli Sigg“ eingehend, indem er sie immer wieder in Großaufnahme zeigt, in langsamen Kamerafahrten um sie herum fährt oder Sigg inmitten seiner geliebten Schätze präsentiert.

Die erwähnten Künstler sind es letztlich auch, die von einer Zeit berichten, in der China noch meilenweit von einem wohlhabenden, hoch technisierten Industriestaat entfernt war. Ein von der Kulturrevolution Maos gezeichnetes Riesenreich, das seine Kunst und Künstler lange sträflich vernachlässigte und kaum würdigte. Sigg vermittelte in diesen Tagen bereits zwischen der östlichen und westlichen Kunstwelt. Er stellte Kontakte her und vermittelte die chinesische Kunst Menschen, die ohne ihn keinen Zugang dazu bekommen hätten.

Viele seltene, nachdrückliche Super-8-Aufnahmen und ausgesuchte Archivbilder, vermitteln einen eindringlichen und glaubhaften Eindruck von der Rückständigkeit des Landes am Ende der 70er-Jahre. Die Zeit, als Sigg von seinem Arbeitgeber dorthin wurde. Der große Herrscher Mao war erst wenige Jahre tot, das Land und seine Bewohner befanden sich immer noch in einer Schockstarre. Die Bewegtbilder zeigen u.a. die steinzeitlich anmutenden Fabrikhallen, in denen Sigg mit seinen Kollegen produzieren sollte. Oder die an Mauern angebrachten Schilder, die auf Hinrichtungen von Regimegegnern ganz in der Nähe, verweisen. Private Kontakte zwischen den europäischen „Gästen“ und den Einheimischen, etwa nach Dienstschluss, waren nicht gestattet.

Darüber hinaus vergisst der Film aber auch die anderen Facetten von Sigg nicht: etwa, dass der promovierte Jurist später als Schweizerischer Botschafter für China, die Mongolei und Nordkorea tätig war oder in seinen 20ern zu den erfolgreichsten Ruderern seines Landes gehörte.

Björn Schneider