The Event

Letztes Jahr beobachtete er die Ereignisse auf dem "Maidan", nun beschäftigt sich der aus Weißrussland stammende Regisseur Sergei Loznitsa mit einem historischen Ereignis, dass viel über die Gegenwart erzählt: ausschließlich aus altem Dokumentarfilmmaterial besteht "The Event", dass Loznitsa zu einem bemerkenswerten, vielschichtigem Essay über Erinnerung und Geschichte zusammensetzt.

Webseite: www.grandfilm.de

OT: Sobytie
Holland/ Belgien 2015 – Essayfilm
Regie: Sergei Loznitsa
Länge: 73 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 26. Mai 2016
 

FILMKRITIK:

Am Morgen des 19. August 1991 wurde die Bevölkerung des damaligen Leningrad mit der  Nachricht geweckt, dass in der Hauptstadt Moskau ein Putsch vonstatten geht. Wer genau versuchte, die Regierung von Michail Gorbatschow zu stürzen, um damit die Demokratisierung des Landes zu stoppen, war unklar – und ist es im Detail auch heute noch. Tatsache bleibt allein, dass der Putsch scheiterte, Gorbatschow zumindest kurzfristig im Amt bleiben konnte, die Sowjetunion wenige Wochen später aber endgültig Geschichte war. Das einst mächtige Reich zerfiel, ehemalige Teilrepubliken wurden unabhängig, der russische Staat sucht seitdem nach seiner Identität, irgendwo zwischen Raubtierkapitalismus und autokratischem Regime.

Sergei Loznitsas Anliegen ist nun keineswegs, etwaige Wissenslücken zu füllen, die Ereignisse verständlich zu machen. – Im Gegenteil. Gerade das Ungewisse ist der Punkt seines nur 73 Minuten kurzen Films "The Event", der ausschließlich aus Dokumentaraufnahmen besteht, die in den Tagen nach dem 19. August in Leningrad gedreht wurden. Dass es keine Interviews, eingesprochenen Kommentare oder ähnliches gibt, macht "The Event" eigentlich zu einer strengen Dokumentation, doch durch Loznitsas subtile künstlerische Eingriffe wird er eher zu einem Essayfilm.

Gerade die Betonung der Unklarheit der Situation, verdeutlicht durch das immer wiederkehrende Bild von Bürgern, die sich um Transistorradios sammeln, nach Nachrichten schnappen und die wenigen Informationen diskutieren, betont die Wirren der Zeit. Trotzdem, vielleicht auch gerade deswegen entstand eine revolutionäre Stimmung, wurden Barrikaden gebaut, äußerte sich der Protest gegen das kommunistische Regime immer deutlicher. Präzise erklärbar waren und sind diese Ereignisse nicht, doch bestimmten Interessen haben sie fraglos gedient. Wem, das ist eine entscheidende Frage, die Loznitsa nicht beantwortet kann und will.

Wenn er in ein, zwei Szenen jedoch ganz sicher nicht zufällig einen jungen Politiker zeigt, der damals noch am Beginn seiner Karriere stand, als Assistent des Leningrader Bürgermeisters diente, weist "The Event" jedoch von der Vergangenheit auf die Gegenwart: Unverkennbar huscht da der junge Wladimir Putin durchs Bild, noch am Rand der Geschichte stehend, in deren Zentrum er längst gerückt ist.

Was hat sich also geändert seit damals, seit einer Revolution, die in die Vergangenheit (den Sturm auf das Winterpalais 1917, im damaligen und inzwischen wieder St. Petersburg) verweist, aber auch auf die Gegenwart, auf optisch ganz ähnlich wirkende Proteste, etwa auf dem Kiewer Maidan. Über diese hat Loznitsa vor kurzem seinen Film "Maidan" gedreht, eine Art Gegenstück zu "The Event". Beide beschreiben Revolutionen, die unterschiedlich endeten, sich im Kern aber doch ähnelten. So sehr, dass man unweigerlich denken mag: Die Geschichte wiederholt sich vielleicht doch. Vieles lässt sich aus Sergei Loznitsas "The Event"  mitnehmen, einem vielschichtigen, hervorragend montierten Film, der vielfältige Fragen stellt, ohne zu glauben, dass es Antworten gäbe, schon gar keine leichten.
 
Michael Meyns