The High Note

Eine Musikkomödie nach optimalen Zutaten, leider zum Großteil in den Sand gesetzt: „Late Night“-Regisseurin Nisha Ganatras „The High Note“ besticht mit schönen Aufnahmen von Kalifornien, krankt aber gehörig an einem mangelhaften Drehbuch, das die Geschichte unsympathisch macht. Dabei erkennt man immer wieder Spurenelemente eines potenziellen Publikumslieblings.

Website: www.universalpictures.at/thehighnote

USA 2020
Drehbuch: Flora Greeson
Regie: Nisha Ganatra
Darsteller: Dakota Johnson, Tracee Ellis-Ross, Kelvin Harris Jr., Ice Cube, Bill Pullman, June Diane Raphael, Eddie Izzard
Verleih: Universal Pictures
Länge 113 Min.
Start: 26. Juni 2020

FILMKRITIK:

Persönliche Assistentin für Musik-Superstar Grace Davis (Tracee Ellis Ross) zu sein, ist ein absoluter Fulltime-Job. Da bleibt Maggie (Dakota Johnson), die noch dazu seit Kindertagen ein glühender Fan der Soullegende ist kaum Zeit, ihren eigenen großen Traum zu verwirklichen und selbst Musik zu produzieren. Das macht ihr auch Jack Robertson (Ice-T) immer wieder deutlich, der aktuell bemüht ist, ein neues Album für Grace Davis zu produzieren, um sie so zurück in die Charts zu katapultieren. Erst die Begegnung mit dem jungen charmanten David (Kelvin Harris Jr.), einem geheimnisvollen aufstrebenden Sänger, stellt ihr Leben auf den Kopf und lässt sie wieder an sich selbst und an die Liebe glauben. Doch mit der Lüge, Maggie sei selbst eine erfolgreiche Musikproduzentin, fangen die Probleme erst an…
„Von den Machern von ‘Yesterday‘ und ‘Bridget Jones‘“ steht auf dem Filmplakat zu Nisha Ganatras „The High Note“. Das ist hier nur bedingt korrekt, denn in der starbesetzten Musikkomödie hatten weder Danny Boyle noch Sharon Maguire ihre Finger im Spiel. Und auch unter den Drehbuchautoren findet man keinerlei übereinstimmende Personalie, die diesen Werbesatz rechtfertigen würde. In diesem Fall besinnt man sich auf das Studio: Universal Pictures brachte hierzulande sowohl die weit unter ihren Möglichkeiten verbliebene Beatles-Comedy als auch Renée Zellwegers Durchbruchskomödie heraus. Und in Filmstudios nutzen die PR-Abteilungen eben gern mal Projekte aus dem eigenen Katalog, um in Werbeanzeigen ein Gefühl dafür zu vermitteln, was den Zuschauer bei einem neuen Produkt erwartet.
„The High Note“ spielt auf der einen Seite im Musikgeschäft, daher der Vergleich mit „Yesterday“, und erzählt auf der anderen Seite eine zarte Romanze, wodurch die „Bridget Jones“-Referenz zustande kommt. Und doch kann das Endergebnis selbst mit der ohnehin fehlgeschlagenen Beatles-Evergreen-Vehikel nicht mithalten. Leider kann der Film mit diesen beiden längst nicht mithalten.
Regisseurin Nisha Ganatra veröffentlichte im vergangenen Jahr ihren erste, von einem breiten Publikum wahrgenommenen Spielfilm „Late Night“. In dem für einen Golden Globe (Beste Hauptdarstellerin, Komödie für Emma Thompson) nominierten Hinter-den-Kulissen-Porträt einer fiktiven Late-Night-Show kombinierte die zuvor an Serien wie „Brooklyn Nine-Nine“ beteiligte Filmemacherin herzliche Pointen mit einem wunderbar bissigen Appell an Diversität und gegen die heutzutage überall stark ausgeprägte Ellenbogengesellschaft. Nisha Ganatra lassen sich für das Misslingen von „The High Note“ die geringsten Vorwürfe machen. Die Musikkomödie ist hochwertig produziert und profitiert von einer starken Kameraarbeit von Jason McCormick („Booksmart“. Die ein bisschen zu häufig in tiefstehendes Sonnenlicht getauchten Kalifornien-Panoramen machen Lust auf den nächsten Amerika-Urlaub, betonen aber auch, dass hier einmal mehr besonders schöne Menschen in besonders schönen Häusern nur bedingt ernstzunehmende Probleme haben. In „The High Note“ sieht einfach alles eine Spur zu perfekt aus; haben die hier allesamt am Geschehen Beteiligten maximal First-World-Problems, was durch das allzu oberflächliche Skript unterstrichen wird.
Leidtragende ist hier vor allem Dakota Johnson. Die zuletzt in Filmen wie „Suspiria“ brillierende Schauspielerin hat sich längst von ihrem Image der lebenden „Shades of Grey“-Dekoration losgesagt und versüßte zuletzt so sympathische RomComs wie „How to be Single“. In „The High Note“ fällt ihre natürlich-charismatische Ausstrahlung leider einer Figurenzeichnung zum Opfer, die kein gutes Haar an der eigentlich bloß hochengagierten Nachwuchs-Produzentin lässt. Will Drehbuchautorin Flora Greeson ja eigentlich vom Konflikt zwischen Kunst und Kommerz erzählen und an der noch völlig unbedarft im Musikbusiness tätigen Maggie aufzeigen, dass es nicht jahrelange Erfahrung und reines Erfolgsdenken braucht, um die Essenz eines Künstlers zu erkennen, legt das Skript Dakota Johnson leider nur oberflächliches Gebrabbel in den Mund.
Bis zuletzt gelingt es dem Film nicht, Maggies Musikgespür greifbar zu machen. Stattdessen entlarvt sich die dadurch alles andere als sympathische Figur mehr und mehr der Poserei. Und auch wenn man nun argumentieren möchte, dass es ja ein nicht unwichtiger Plotbestandteil ist, dass Maggie ihr Produzentendasein nur vorspielt (gegenüber dem aufstrebenden Künstler und ihrem späteren Love-Interest David gibt sie sogar vor, bereits mehrere Klienten zu haben), so sollte ja zumindest ein gewisses Musikwissen erkennbar sein. Schließlich macht sie das Skript auf Biegen und Brechen zu ebenjener Sympathieträgerin, die unter all dem Kommerz die Kunst noch längst nicht aus den Augen verloren hat.
Dass in „The High Note“ solche Dinge zum Konflikt erklärt werden wie etwa das Angebot an Grace Davis, eine eigene Show in Las Vegas zu erhalten, wo die Soullegende doch viel lieber durch die Welt touren würde, sei an dieser Stelle nur eine den bereits aufgegriffenen First-World-Problem-Aspekt betonende Randnotiz. Dass derartige „Probleme“ hier nur bedingt Mitgefühl hervorrufen, liegt nicht zuletzt auch daran, dass man der von Diana-Ross-Tochter Tracee Ellis Ross („Black-ish“) ihren Megastarstatus nicht abkauft. Es ist nicht so, dass Ross hier nicht ab und an die Gelegenheit bekäme, ihre beeindruckende Schmetterstimme unter Beweis zu stellen. Doch für einen Musikfilm mangelt es „The High Note“ schlicht an eindringlichen Songs. Sowohl die angespielten Nummern von Grace Davis als auch jene von David klingen allesamt sehr ähnlich. Und wenn einer der beiden doch mal ein potenzieller Ohrwurm anstimmt, würgt Nisha Ganatra diesen ab, noch bevor er sich überhaupt im Zuschauergedächtnis festsetzen kann.
Die den Film zukleisternder Ansammlung an späten Neunziger- und frühen Zweitausenderpopsongs hinterlässt da fast den stärkeren Eindruck. Wenngleich nicht unbedingt den positiveren. Wer weiß: Vielleicht hätte sich am Ende einfach Ice-T („22 Jump Street“) auf seine Wurzeln als Rapper besinnen sollen. Seine passionierte Performance des um seinen Status als Hitmogul fürchtender Musikproduzent sticht auch ganz ohne Rap-Einlage am stärksten aus „The High Note“ heraus.

Antje Wessels