The Poetess

Einen Film, bei dem man die Hauptdarstellerin nie zu Gesicht bekommt, gibt es nicht allzu oft, doch diese Besonderheit ist nicht das Bemerkenswerteste an der Dokumentation von Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff. In „The Poetess“ porträtieren sie eine Dichterin aus Saudi-Arabien, die sich furchtlos gegen das Establishment stellte.

Webseite: noisefilmpr.com

Dokumentation
Deutschland 2017
Regie: Stefanie Brockhaus & Andreas Wolff
Länge: 89 Minuten
Verleih: Brockhaus/Wolff Films / Noise Film
Kinostart: 31. Mai 2018

FILMKRITIK:

Während sich im Westen darüber die Köpfe heiß geredet werden, ob Muslima Kopftücher tragen dürfen und dennoch als Lehrerin arbeiten können, tragen Frauen in Saudi-Arabien oft noch Ganzkörperschleier. So auch Hissa Hilal, die in der arabischen Welt durch ihren Auftritt in der von Millionen Menschen verfolgten Talentshow „Million's Poet“ in der ganzen Region zu großer Bekanntheit kam.
 
Man mag sich diese Sendung wie eine Variante von Deutschland sucht den Superstar vorstellen, nur dass die Kandidaten hier Gedichte vortragen. Dass diese Sendung kein Nischenprogramm ist, sondern von rund 70 Millionen Menschen in der arabischen Welt verfolgt wird, deuten den Stellenwert der Poesie an. Und auch die potentiell explosive Kraft eines Gedichtes, dass von so vielen Menschen gehört wird.
 
Genau darum geht es in „The Poetess“, denn mit Hissa Hilal nahm nicht nur zum ersten Mal eine voll verschleierte Frau an der Sendung teil, sondern auch eine Frau, die sich in ihren Gedichten nicht scheute, das System, die Unterdrückung der Frauen, die zunehmende Radikalisierung des Islams anzuprangern. Man darf sich das nun allerdings nicht als direkte Anklagen vorstellen, sondern als vage formulierte, als verklausulierte Botschaften, die sich für einen westlichen Beobachter in der Übersetzung wenig problematisch anhören, in der arabischen Welt allerdings offenbar für einige Aufregung sorgten.
 
So sehr, dass Hilal sich in manchen Phasen der Sendung vor der Verfolgung durch religiöse Fanatiker sorgen musste, die allein schon den Auftritt einer Frau zusammen mit Männern für ein moralisches Verbrechen halten. Wie groß der Druck auf Hilal genau war, bleibt allerdings wie so manches andere offen, was auch dem Umstand geschuldet ist, dass Hilal letztlich ein Enigma bleibt.
 
Denn nicht nur körperlich bleibt sie konsequent verhüllt – mehr als ihre Augen sind nie zu sehen – auch was ihr Leben angeht offenbart sie nur das nötigste: Viel mehr, als dass sie die Tochter von Beduinen ist und schon lange Gedichte geschrieben hat, erfährt man nicht. Stattdessen konzentrieren sich die Regisseure Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff auf die Gesamtsituation der Frauen in der arabischen Welt und besonders Saudi-Arabien. Ein kurzer Abriss bleibt dies notgedrungen, liefert aber dennoch einen guten ersten Überblick über eine Nation, in der Frauen noch ganz dem Willen und den Wünschen der Männer unterworfen sind, ohne die Erlaubnis ihrer Ehemänner, Brüder oder Väter keinen Beruf ergreifen können und natürlich auch nicht an TV-Shows teilnehmen dürfen.
 
Nur ganz langsam ändert sich die Situation, seit neuestem dürfen Frauen Auto fahren, vor kurzem fand in Riad die erste öffentliche Kinovorführung statt, der neue Herrscher Salman ibn Abd al-Aziz scheint ein wenig offener zu sein als seine Vorgänger, ein ganz klein wenig. Auch der furchtlose Einsatz von Frauen wie Hissa Hilal tragen zu dieser Entwicklung bei, die vielleicht selbst noch nicht allzu sehr von den Früchten ihrer Regimekritik profitieren wird, aber folgenden Generationen unschätzbare Dienste tut.
 
Michael Meyns