The Program – Um jedenPreis

Eine Geschichte, wie gemacht für einen Hollywood-Film: Junger erfolgreicher Athlet überwindet seine Erkrankung mit Hodenkrebs und wird Rekordsieger der Tour de France. Im wahrsten Sinne des Wortes zu schön, um wahr zu sein, denn dieser Athlet heißt Lance Armstrong und stand im Mittelpunkt eines der größten Betrugsfälle der Sportgeschichte, wie Stephen Frears in seinem erzählerisch konventionellen, aber doch packendem Film „The Program – Um jeden Preis“ nachzeichnet.

Webseite: www.theprogram.de

OT: The Program
GB/ Belgien 2014
Regie: Stephen Frears
Buch: John Hodge
Darsteller: Ben Foster, Chris O’Dowd, Lee Pace, Dustin Hoffman, Guillaume Canet, Denis Ménochet, Edward Hogg
Länge: 104 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 8. Oktober 2015
 

FILMKRITIK:

Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, Mitte der 90er Jahre, als er mit unvorstellbarer Dominanz eine Tour de France nach der anderen gewann, seine Stiftung Livestrong Millionen gelber Armbändchen verkaufte und damit viel Geld für die Krebsforschung einnahm, er mit Rockstars ausging und selbst einer war, da sollte Lance Armstrong in einer Verfilmung seines Lebens von Matt Damon gespielt werden. Auch in Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ gibt es eine Szene, in der über diese Besetzung amüsiert diskutiert wird: Armstrong (Ben Foster) ist sichtbar geschmeichelt, jedoch alles andere als amüsiert, als sein Teamkollege Floyd Landis (Jesse Plemons) spitzfindig bemerkt, dass Damon für die Rolle nicht nur Radfahren können, sondern auch Drogen nehmen müsste.
 
So pointiert dieser Moment auch ist, steht er doch isoliert im Raum, wie so viele andere Momente eines rasend schnellen Films, der in 104 Minuten wirklich jedes relevante Ereignis aus Lance Armstrongs Leben und Karriere zwischen 1993 und 2013 abhakt und dabei auch noch Schlenker zu wichtigen Nebenfiguren ausführt. Das angesichts der Fülle an Material keine Zeit bleibt, in die Tiefe zu gehen, verleiht „The Program“ den Anschein eines typischen Doku-Dramas fürs Fernsehen, dass vor allem an der Oberfläche erzählt. Dass dieser Kinofilm dennoch sehenswert, ja oft mitreißend ist, liegt an den Schauspielern und der Regie Stephen Frears.
 
Der ist zwar alles andere als ein klasssicher Auteur, hat schon den Western „Hi-Lo County“, den Neo-Noir „The Grifters“, eine Klamotte wie „Tamara Drewe“ oder das Oscar prämierte Drama „The Queen“ inszeniert, weiß aber, wie man starke Bilder filmt, Pointen setzt und den Zuschauer nicht zur Ruhe kommen lässt. Dass Drehbuch von John Hodge ist zwar nicht so brillant wie die ganz ähnlich strukturierten von Peter Morgan („The Queen“, „Rush“, „Frost/Nixon“) schafft es aber, die Fakten der Geschichte zu einen überzeugenden Fluss zu formen. Erfolge wie Misserfolge, Operationen wie Vertragsverhandlungen werden zwar oft in winzigen Szenen abgehandelt, doch das große Ganze bleibt immer im Blick: Wie aus einem talentierten Athleten, der mit gigantischem Ehrgeiz ausgestattet war, einer der größten Betrüger der Sportgeschichte wurde. Hit Hilfe des italienischen Arztes Michele Ferrari (Guillaume Canet) setzte Armstrong das so genannte „Programm“ durch, eine ausgefeilte Maschine des Betrugs, spritzte sich Testosteron, EPO und so ziemlich alles andere, was einen Leistungsschub versprach, und wurde zum dominanten Athleten seines Sportes.
 
Etwas Falsches konnte Armstrong in seinem Handeln wohl nicht entdecken, nicht ganz zu unrecht, denn in einer Sportart, in der praktisch jeder betrügt, kann man ohne Betrug nicht gewinnen. In wenigen Szenen wird diese moralische Ambivalenz deutlich, die Verlogenheit eines Sports, der nach Außen so tut, als würde gegen Doping gekämpft, der nach Innen den Betrug aber fast notwendig macht. Doch für solche Feinheiten, solche potentiell spannenden Fragen  hat Stephen Frears in seinem Film kaum Zeit, er beschränkt sich auf fraglos mitreißende Weise auf die Inszenierung der reinen Tatsachen. Die sind allerdings so unfassbar, dass Frears souveräne Regie und das überzeugende Spiel von Hauptdarsteller Ben Foster ausreichen, um „The Program – Um jeden Preis“ zu einem packenden Doku-Drama zu machen.
 
Michael Meyns