The Secrets we keep – Schatten der Vergangenheit

Als schwarz gekleidete gepiercte Hacker-Heldin Lisbeth Salander in den Krimiverfilmungen von Stieg Larsson wurde Naomi Rapace weltberühmt. Längst hat sich die eigenwillige Schwedin von dieser Rolle erfolgreich emanzipiert. In dem spannenden, vielschichtigen Thriller des israelischen Regisseurs Yuval Adler brilliert sie erneut mit außergewöhnlicher schauspielerischer Intensität. Authentisch verkörpert sie eine traumatisierte Frau, die Rache nehmen will für die Verbrechen, die während des Zweiten Weltkriegs von SS-Schergen an ihr verübt wurden.

Website: www.leoninedistribution.com/kino.html

USA, 2020
Regie: Yuval Adler
Drehbuch: Yuval Adler, Ryan Covington
Kamera: Kolja Brandt
Schnitt: Richard Mettler
Darsteller: Noomi Rapace, Chris Messina, Joel Kinnaman, Victoria Hill, Lucy Faust, Ritchie Montgomery, Ed Amatrudo, Amy Seimetz, Jeff Pope, David Maldonado, Michelle L. Clarke, Angela Abadie, Jackson Dean Vincent, Madison Paige Jones, Kadrolsha Ona Carole, Miluette Nalin, Frank Monteleone, Michael Biss
Länge: 97 Minuten
Verleih: Leonine
Kinostart: 5. November 2020

FILMKRITIK:

Wenn die Kamera in einer amerikanischen Vorstadt in den Fünfzigern landet, verspürt man eine Sehnsucht nach heiler Welt. Zugleich aber hegt man Misstrauen gegenüber der Idylle. Maja (Noomi Rapace) sitzt auf bei einem lauschigen Picknick im Park mit ihrem kleinem Sohn (Jackson Dean Vincent ). Immer wieder erfreut er seine Mutter mit seinen wunderbar schillernden Seifenblasen. Doch genauso wie die fragilen Gebilde plötzlich platzen, scheint Mayas Leben von einem Moment auf den anderen aus den Fugen zu geraten. Sie springt plötzlich auf und folgt irritiert einem fremden Mann (Joel Kinnaman). Sein Gesicht erinnert sie an eine Vergangenheit, die sie zu vergessen suchte und auch ihrem Mann Lewis (Chris Messina) verheimlichte.

Doch nun scheint das Trauma in ihren Alltag eingebrochen. Die gebürtige Rumänin ist überzeugt, in dem Fremden ihren früheren Peiniger wiederzuerkennen.„Ich hatte dir immer erzählt, dass meine Familie nicht vom Krieg betroffen war“, gesteht sie beim Abendessen ihrem Mann. „Das stimmt nicht“. Leicht irritiert fragt er nur „Wovon redest du?“. Die beiden lernten sich in Griechenland nach dem Zweiten Weltkrieg kennen. Lewis arbeitete dort als Arzt. „Wir haben geschlafen als wir von ein paar Soldaten der SS gefunden wurden“, spricht Maja weiter. „Sie haben den Frauen furchtbare Dinge angetan“. Darunter auch ihrer Schwester.

Noch heute verfolgen Maja diese Bilder. Sie wurde vergewaltigt. Und noch heute plagt sie die Frage, ob sie ihre Schwester damals hätte retten können. Sie fühlt sich schuldig. Maja stellt sich in diesem Moment nicht nur verbal den Schatten ihrer Vergangenheit. Sie hat bereits gehandelt und Fakten geschaffen. Im Kofferraum ihres Wagens liegt der Mann, den sie für den SS-Verbrecher hält. Auf dem Weg zur Arbeit in die ansässige Raffinerie hat sie ihn in eine Falle gelockt. Geschickt täuschte sie eine Autopanne vor und bat ihn um Hilfe. Nun soll der Ohnmächtige in den Keller geschafft werden.

Dort möchte sie ein Geständnis von ihm erzwingen. Auch wenn Lewis anfangs entsetzt ist, steht er seiner Frau zunächst bei. Doch der Mann im Keller beteuert vehement seine Unschuld. Mehr und mehr zweifelt Lewis, der sich mit einer glaubwürdigen Identität des Gekidnappten sowie Majas fragmentierter Erinnerung konfrontiert sieht. Was er meinte, von seiner Frau zu wissen, erweist sich als unwahr und ihre bisherige gemeinsam aufgebaute Existenz ist in Gefahr. Täuscht sich Maja?

Obwohl Noomi Rapace ihre Figur der spektakulären Punk-Lady in Hollywood sämtliche Türen öffnete, löste sich die eigenwillige Schwedin längst von Lisbeth Salander. Die jährige glänzte seitdem in Ridley Scotts Alien-Prequel „Prometheus – Dunkle Zeichen“, an der Seite von Robert Downey jr. im Action-Blockbuster „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ und im Thriller „Dead Man Down“ neben Colin Farrell. Die Tochter einer schwedischen Schauspielerin und eines spanischen Flamenco-Sängers besitzt ein Faible für extreme Rollen.

„Ich nehme meine Filmcharaktere höchst persönlich“, gesteht sie. „Ganz oder gar nicht“, so ihre Devise. Und verrät: „Die Psyche gebrochener Charaktere zu erforschen, befriedigt mich und gibt mir eine Menge Energie zurück“. Schon mit Lisbeth Salander kreierte sie eine Figur von faszinierender Komplexität, die Stärke und Zerbrechlichkeit, erlittenes Leid und gerechte Wut in einer Person vereint und sich vor allem weigert, eine Opferrolle anzunehmen . Und so brilliert sie erneut mit außergewöhnlicher schauspielerischer Intensität.

Regisseur Yuval Adler inszeniert das fesselnde Drama, als würde es tatsächlich aus den Fünfzigern stammen. Angefangen von den Farben, der Ausstattung scheint sein visueller Stil den Melodramen eines Douglas Skirk nachempfunden. Gleichzeitig durchbrechen düstere Rückblenden aus der grausamen Vergangenheit seiner Hauptdarstellerin die Heile-Welt-Idylle des bürgerlich sauberen amerikanischen Vororts. Zudem wirft das Schicksal Majas ein Schlaglicht auf Nazi-Gräuel an einer Bevölkerungsgruppe, die lange um ihre Anerkennung als NS-Opfer kämpfen musste.

Maja ist eine Roma. Der Völkermord an den europäischen Roma, Sinti und Jenischen während des Zweiten Weltkriegs war lange kein Thema. Die Aufarbeitung ließ auf sich warten. Entschädigungsanträge wurden abgelehnt mit dem Argument, es habe sich nicht um rassistische Verfolgung gehandelt. Bis in die frühen 1980er-Jahre dauerte es, bevor der Genozid an den Sinti und Roma offiziell anerkannt wurde. In manchen europäischen Ländern brachten die Nazis bis zu 90 Prozent der Gemeinschaft um. Insgesamt fielen dem Porajmos, so das Wort aus Roma-Sprache, rund 500 000 Personen zum Opfer. In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurde im Konzentrationslager Auschwitz II-Birkenau das sogenannte Zigeunerlager liquidiert. Allein in dieser Nacht starben 3000 Menschen.

Luitgard Koch