The Whale & The Raven

Die Dokumentarfilmerin Mirjam Leuze begleitet zwei Walforscher, die an der kanadischen Pazifikküste leben. Noch ist der Kitimat-Fjord ein stiller, einsamer Rückzugsort für Buckelwale und Orcas, doch ihre Existenz wird durch eine geplante Schiffsroute bedroht. In beeindruckenden, oft meditativen Bildern lädt die Filmemacherin das Publikum in die Wildnis ein und wahrt dabei – ebenso wie die beiden Wissenschaftler – eine respektvolle Distanz zu den Meeresgiganten. Ihr Film ist anspruchsvolles Infotainment, also keine ganz leichte Kost, und verbindet interessante Fakten mit einer sehr persönlichen Bildsprache.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Dokumentation
Deutschland/ Kanada 2019
Regie & Buch: Mirjam Leuze
Länge: 101 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 5. September 2019
 

FILMKRITIK:

Sehr stimmungsvoll, dabei aber unspektakulär und in meditativer Ruhe geht die deutsche Dokumentarfilmerin Mirjam Leuze an ihr Thema heran: das bedrohte Leben von Orcas und Buckelwalen in einem Fjord in British Columbia an der kanadischen Westküste. Dabei stehen die beiden Walforscher Janie Wray und Hermann Meuter im Mittelpunkt. Ihre Biografien sind eng mit den Walen und deren Lebensraum verbunden, der – noch! – vom Rhythmus der Jahreszeiten und vom natürlichen Miteinander zwischen Mensch und Tier geprägt ist. Janie Wray und Hermann Meuter leben am Fjord, wobei Hermann Meuter in einer Art Adlernest auf einem Felsen über dem Wasser wohnt, von wo aus er mit Hilfe von Unterwassermikrofonen Tag und Nacht den Gesang der Wale hören kann. Die beiden Forscher kennen die Tiere manchmal schon viele Jahre und können sie anhand ihrer Schwanzflossen (Fluken) identifizieren. Doch es drohen massive Eingriffe in das fast unberührte Habitat, wo die Meeresriesen bisher nahezu autonom leben können. Eine Tankerroute für Flüssiggastransporte soll durch den Fjord führen. Noch wird die Stille des Ozeans vor allem durch die Gesänge der Wale unterbrochen, die sich durch Rufe miteinander verständigen. Schon ein einziges Schiff verursacht Geräusche, mit denen die Kommunikation zwischen den Walen gestört wird. Doch die Tanker werden irgendwann kommen, auch wenn die Walforscher gemeinsam mit den First Nations, den indigenen Völkern Kanadas, dagegen kämpfen.

Mirjam Leuze hat keine Angst vor der Stille – sie lässt sich Zeit für Beobachtungen und wechselt häufig die Perspektiven. Manchmal scheint es, sie wolle ihr Publikum hineinziehen in diese andere, schweigsame Welt, in denen nur die knarrenden Bassstimmen der Wale gelegentlich die Stille durchbrechen. Unterwasserbilder zeigen in wunderbaren Bildern, wo die Wale leben: ruhig wogende Pflanzen bedecken den Grund, wie feine grüne Schleier schweben Blattstreifen in Zeitlupe durchs Bild. Merkwürdige Gewächse, Wasserschnecken und Fische bevölkern dieses faszinierende, kühle Universum, in dem es kaum Farbkontraste zu geben scheint, außer durch das Sonnenlicht, das manchmal sanfte Strahlen in die Tiefe schickt. Mit derselben feinfühligen Akribie, die sie der Natur widmet, nimmt Miriam Leuze am Leben der beiden Walforscher teil, begleitet sie auf ihren Wegen, bei der täglichen Arbeit, bei Vorträgen, im Kontakt mit Praktikanten und mit Vertretern der First Nations, den indigenen Bewohnern Kanadas. Die beiden Forscher verbindet mit den First Nations ein ganz besonderes Band, und Mirjam Leuze konnte ihr Filmprojekt nur mit Unterstützung und Mitwirkung der indigenen Bewohner der Region realisieren. Auf diese Weise ist ein einprägsamer, atmosphärisch dichter Film entstanden, der nebenbei von der Erinnerung an Mythen und Bräuche erzählt und vor allem vom Leben am Fjord: Janie Wray allein mit den Walen am Ufer, und vor ihr, nur wenige Meter vom Ufer entfernt, tauchen die gewaltigen Wale auf. Oder Hermann Meuter, mit Kopfhörern am Fenster seiner Blockhütte beim Horchen nach den Stimmen der Wale. Doch die größte Kraft geht von den Bildern aus, die die Wale selbst zeigen – aus der Luft betrachtet beim ruhigen Gleiten durchs Wasser, vom Boot oder vom Ufer aus beim Auftauchen und beim Springen. Dabei werden die Wale so wenig wie möglich in ihrem natürlichen Leben gestört. Dieser respektvolle Ansatz sorgt dafür, dass es kaum Unterwasserbilder von schwimmenden Walen gibt, doch dafür gibt es andere beeindruckende Aufnahmen: sehr ruhige, lange Totalen, die zeigen, wie die Tiere majestätisch durchs Wasser gleiten. Der Fjord bietet ihnen einen idealen Lebensraum und den beiden Forschern bietet er die Möglichkeit, das Leben der Wale, ihre Kommunikation, familiäre Bindungen und letztlich ihre Intelligenz zu erforschen.

Wenn in den Schlusstiteln die beteiligten Wale ihre eigenen Credits bekommen, dann ist das also nicht unbedingt ein Gag, sondern – so wie hier – ein Zeichen dafür, dass es um mehr geht als um Walbeobachtung und Naturforschung. Und tatsächlich sind die beiden Wissenschaftler Janie Wray und Hermann Meuter nicht nur geradezu besessen von ihrer Arbeit, sondern sie haben im Laufe ihrer Forschungsarbeit eine enge Beziehung zu den Riesen des Meeres entwickelt. Janie Wray und Hermann Meuter verfolgen ganz im Sinne der First Nations mit ihren Forschungen einen ganzheitlichen Ansatz, der weit über Dokumentation und Analyse hinausgeht. Sie betrachten die Wale als gleichberechtigtes Glied in der Kette der natürlichen Abläufe. Damit bereichert der Film die aktuelle Diskussion über eine notwendige Begrenzung des menschlichen Einflusses auf die Umwelt. Obwohl er weder kämpferisch noch lautstark oder provokant an sein Thema herangeht, stellt er doch ein klares Statement dar: für die Natur und gegen kommerzielle Interessen.

Gaby Sikorski

Wie kaum ein anderes Lebewesen vermag der Wal die Imagination des Menschen zu beflügeln, durch seine schiere Größe, seine majestätischen Bewegungen. Solch ein Moment der schieren Demut vor der Natur ist Ausgangspunkt von Mirjam Lenzes Dokumentation „The Whale & The Raven“, die das Verhältnis von Mensch und Natur zu hinterfragen sucht.

Sarah BCY0703, Surf CSX0002 oder Notch BCX0049 heißen die Wale, die an der Forschungsstation von Hermann Meuter und Janie Wray vorbeischwimmen. Im Nordwesten Kanadas beobachten die beiden Walforscher seit langem Orcas, Blau- und Finnwale und versuchen die Tiere optisch, vor allem aber auch akustisch zu identifizieren. Mittels im Wasser der Fjorde angebrachter Mikrofone lassen sich die Geräusche der Tiere – wenn man so viel ihre Gespräche – belauschen, Geräusche, die immer häufiger von durch den Mensch verursachtem Lärm übertönt werden.

Die Lärmverschmutzung nimmt nicht nur in den Städten zu, sondern auch im Meer, was die Kommunikationsmöglichkeiten der Meeresbewohner gefährlich beeinträchtigt. Können sich gerade die riesigen Wale im Normalfall vor herannahenden Schiffen warnen, steigt die Gefahr einer Kollision immer mehr. Gerade in diesen Gewässern, denn die größtenteils unberührte Natur ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr ins Visier der Ölindustrie geraten.

Tief in den Fjorden sollen Hafenanlagen gebaut werden, die es ermöglichen würden, Öl und Ölsand abzutransportieren. Zwar mit erheblichem finanziellen Gewinn, aber auch mit großen Gefahren für die Umwelt.

Einer Umwelt, in denen Vertreter der Ureinwohner, der First Nations, versuchen, der zunehmenden kommerziellen Nutzung ihres Lebensraum einen Riegel vor zu setzen. Denn für sie ist das Meer nicht einfach nur Wasser, die Wale nicht einfach nur Tiere: In der Mythologie der Ureinwohner ist das Unterwasserkönigreich, zwischen dem und dem Reich der Menschen eine tiefe Beziehung besteht, eine Beziehung, die durch die Industrialisierung und die technologischen Entwicklungen der Moderne, zunehmend aus der Balance geraten ist.

Viele Themen reißt Mirjam Lau in ihrer bildmächtigen Dokumentation „The Whale & The Raven“ an, ohne dabei jedoch in allzu didaktische gut/ böse, richtig/ falsch-Schemata zu verfallen. Stattdessen beobachtet sie mit großer Zurückhaltung das Leben der Walforscher und der Mitglieder der First Nation, verzichtet dabei meist auf schlichte Erklärungen wie einen Voice Over-Kommentar oder Einblendungen. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, Schlüsse aus dem Gesehenen zu ziehen, sich zu fragen, ob ein bisschen Öl es rechtfertigt, die Lebensräume von diesen Tieren und Menschen möglicherweise grundlegend zu gefährden.

Ob es dabei notwendig ist, den Tieren tatsächlich Fähigkeiten wie Selbstwahrnehmung oder Denken zuzusprechen sei dahingestellt, schließlich sind auch offensichtlich Instinktgesteuerte Wesen, Insekten und die Natur als Ganzes nicht weniger schützens- und erhaltenswert. Doch der Symbolgehalt der Wale, dieser majestätischen, mächtigen Wesen, die wie aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen, eignet sich dann doch immer wieder besonders, um auf die Fragilität der Natur hinzuweisen. Und dieses Anliegen kann man natürlich nur unterstützen.

Michael Meyns