Thinking Like a Mountain

Hoch in den Bergen Kolumbiens hat Alexander Hick seinen Hochschulabschlussfilm gedreht, eine stilistisch und inhaltlich ambitionierte Dokumentation. Denn in „Thinking Like a Mountain“ versucht Hick nicht nur die indigenen Völker zu porträtieren, die in den Bergen leben, sondern auch von deren Verhältnis zu den Nachkommen der Europäer und vielem anderen zu erzählen.

Webseite: www.dejavu-film.de

Dokumentation
Deutschland 2018
Regie & Buch: Alexander Hick
Länge: 91 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 12. September 2019
 

FILMKRITIK:

Die Sierra Nevada de Santa Marta liegt im Nordosten Kolum¬biens, dem Atlantik zugewandt. Die abgelegene, nur schwer zu erreichende Region liegt näher am Nachbarstaat Venezuela als Bogoto, Cali oder Medellin, den Städten des Landes. Hier oben leben vier indigene Gemeinschaften, deren Gesamtanzahl auf kaum noch 6000 Personen geschätzt wird: Die Arhuacos, die Kogis, die Wiwas und die Kan¬kuamos.

Monatelang hielt sich Alexander Hick in dieser Region auf, begleitet von seinem Bruder Immanuel, der die Kamera führte. Und die Bilder sind auch das erste, dass bei „Thinking Lie a Mountain“ auffällt und beeindrucken. Auf den Gipfeln der majestätischen Berge liegt ewiges Eis, etwas weiter unter geht die karge Bergwelt in den Dschungel über, dazwischen steile, unebene Pfade und immer wieder vereinzelt in der Landschaft, die Hütten der indigenen Bevölkerung. Kaum etwas scheint sich an den Behausungen geändert zu haben, Filmaufnahmen von vor gut hundert Jahren, die Hick in einem Archiv ausgegraben hat, könnten auch heute gemacht worden sein, auch die traditionelle Kleidung scheint sich kaum verändert zu haben und kontrastiert dadurch erst recht mit modernen Funktions- oder Alltagskleidung.

Allein diese Aufnahmen von den Lebensumständen der wenigen Verbliebenen, die Beobachtung ihrer Traditionen, dem Sammeln von Früchten, dem Schnitzen von Flöten würde „Thiking Like a Mountain“ zu einer bemerkenswerten, sehenswerten Dokumentation machen, doch mit bloßer beobachtender Anthropologie ist es für Hick nicht getan.

Gleich am Anfang des Films gibt es eine emblematische Szene: Da filmt Hicks im Zelt seinen Dolmetscher, der fragt: „Alex, filmst Du mich? Wie soll ich mich hinlegen?“, worauf Hicks antwortet: „Wie du willst, es gibt keine Anweisungen.“ Einfach nur beobachten und nicht eingreifen sagt diese Szene, das Ideal jedes Ethnographen, das jedoch kaum einzuhalten ist. Kaum eine moderne anthropologische Studie, kaum ein Buch oder Film aus diesem Bereich verzichtet darauf, klar zu machen, dass die Widersprüche des eigenen Tuns deutlich werden.

Hicks nimmt ihn als Ausgangspunkt für weitreichende Reflexionen über das Verhältnis der indigenen Völker zu den wenigen Menschen, die in ihre Gebiete vor, auch eindrangen, vor allem aber zu der weiten Mehrheit der kolumbianischen Bevölkerung, die meist wenig Interesse an einem Erhalt ihrer Lebenswelten hat. Zumal es auch in den abgelegenen Höhen der Sierra Nevada um Besitzansprüche oder Schürfrechte gibt, und auch der seit ewigen Zeiten mal mehr, mal weniger stark schwelende Bürgerkrieg des Landes oft nahe ist.

Guerilla Camps findet sich da ebenso wie bewaffnete Patrouillen der Regierung, die meist wenig Verständnis oder Gespür für die Eigenarten der indigenen Bevölkerung haben. Auch wenn sich Hicks in dem weiten Bogen, den er zu schlagen versucht, den vielen assoziativen Gedanken zu den Lebensumständen und den schwindenden Zukunftsaussichten der Bergvölker bisweilen ein wenig verliert, überzeugt „Thinking Like a Mountain“ gerade durch seine Ambition. Nicht einfach nur beobachten, sondern das Beobachtete analytisch, essayistisch reflektieren und einordnen war hier der Anspruch, der Alexander Hicks Debütfilm so sehenswert macht.

Michael Meyns