Tom Of Finland – Der Film

In der Schwulenszene sind die markanten Zeichnungen von Tom of Finland legendär. Mit ihren prägnanten Darstellungen männlicher Körper in betont sexuellen Posen trug der finnische Künstler dazu bei, schwule Sexualität salonfähig zu machen, erst in privat gedruckten Heften, bald in etablierten Verlagen. Zum 100. Geburtstag der Nation finanzierte das finnische Kulturministerium nun diesen biographischen Film, was allein schon zeigt, wie sehr sich die Zeiten verändert haben. Entstanden ist ein stimmungsvolles, berührendes historisches Biopic über den Kampf eines Menschen um seine persönliche Freiheit und seinen künstlerischen Ausdruck, das von finsteren 40er/50er Jahren in Finnland bis zu den liberalen Aufbruchzeiten im Kalifornien der 70er reicht.

Webseite: www.mfa-film.de

Finland 2017
Regie: Dome Karukosi
Darsteller: Pekka Strang, Seumas Sargent, Jakob Oftebro, Werner Daehn, Lauri Tilkanen, Jessica Grabowsky, Troy T. Scott
Länge: 115 Minuten
Verleih: MFA/ Filmagentinnen
Kinostart: 5. Oktober 2017

Auszeichnungen:

Finnlands nationale Einreichung zum Oscar für den besten ausländischen Film!
FIPRESCI-Preis beim Filmfestival in Göteborg
Shortlist um die Nominierung für den Europäischen Filmpreis
Publikumspreise beim 10. Fetisch-Filmfestival Kiel bester Film und Pekka Strang bester Darsteller.

FILMKRITIK:

Touko Valio Laaksonen wurde 1920 geboren, kämpfte im Zweiten Weltkrieg kurze Zeit für die deutsche Armee, die Finnland besetzt hielten. Mit Bildern der nationalsozialistischen Truppen beginnt auch Dome Karukosis biographischer Film über den später als Tom of Finland berühmt gewordenen Künstler, der lange brauchte, bis er seine Bestimmung fand, bzw. akzeptierte. Wie in praktisch allen anderen Ländern der westlichen Welt war Homosexualität auch in Finnland lange verboten, konnten Schwule sich nur im geheimen finden, etwa in Parks, in denen sie allerdings auch ständig der Gefahr ausgesetzt waren, von der Polizei verhaftet zu werden.
 
In diesem Kontext wuchs Laaksonen auf, entdeckte seine Homosexualität und begann, erste Zeichnungen von schwulen Männern zu fertigen. Erst zu seinem eigenen Vergnügen, bald in ersten Versuchen, sie zu verkaufen, im Untergrund, in geheimen Clubs. In der Öffentlichkeit führte er ein gesittetes Leben, arbeitet als Werbezeichner, lebte mit seiner Schwester zusammen, die lange nichts von seiner Neigung ahnte. Lange Jahre vergingen so, Jahre, die Karukosi wie einen unaufhaltsamen Fluss zusammenführt, ohne besonders auf die gesellschaftlichen Umstände einzugehen, die Laaksonens Leben begleiten.
 
Bald lebt er offenbar recht offen mit einem Mann zusammen, veröffentlicht seine Zeichnungen in Magazinen in Amerika, wo er bald zu einer Ikone der Schwulenbewegung wird. Erste Aufenthalte in Amerika konfrontieren ihn mit einem viel offeneren schwulen Leben, das jedoch bald von der Katastrophe des AIDS-Virus unterminiert wird. Doch die unverblümt sexuellen Zeichnungen des inzwischen als Tom of Finland berühmten Zeichners symbolisieren wie wenig anderes die zunehmende Akzeptanz von schwulem Leben, von schwulem Begehren.
 
Zahlreiche Kunstprojekte förderte die finnische Regierung anlässlich des 100. Jubiläums des finnischen Staates am 6. Dezember diesen Jahres, und das dabei nicht nur Künstler wie Johan Sibelius oder Aki Kaurismäki gedacht wird, sondern auch einem lange Zeit verpönten Zeichner wie Touko Laaksonen, sagt vieles über die sich verändernden Zeiten. Mit seinen unverkennbaren, markanten Zeichnungen von muskulösen Schwulen, oft in klischeehaften Outfits, mal als Biker, mal als Seemänner, prägte Laaksonen den Blick und den Stil der homosexuellen Kultur wie wohl kaum ein anderer.
 
Die Bedeutung seiner anfangs nur im Untergrund veröffentlichten Bilder war weltweit zu spüren, zumindest so, wie es „Tom of Finland“ erzählt. Ob die Rezeption tatsächlich so einflussreich war, wie es Karukosi in seinem Film behauptet, ist schwer zu sagen, zumal der Film eher impressionistisch erzählt, einen Fluss durch die Zeit und Laaksonens Leben inszeniert, bei dem man leicht die Übersicht verliert.
 
Präzise Daten sucht man vergeblich, das im Laufe des Films über vier Jahrzehnte vergehen kann man nur anhand der äußeren Ereignisse erahnen. Der Vorteil dieses impressionistischen Ansatzes, der bewusst darauf verzichtet, die bloßen, auch auf seiner Wikipedia-Seite nachzulesenden Lebensdaten nachzuzeichnen, liegt in einer erzählerischen Freiheit, die vor allem dazu verwendet wird, emotionalen, persönlichen Momenten in Laaksonens Leben besonderes Gewicht zu verleihen. Ein langer Kampf gegen die Unterdrückung, für die eigene (sexuelle) Freiheit, später auch für die Schwulenbewegung im Allgemeinen war dieses Leben, dem hier auf nie verklärende, mitreißende Weise gedacht wird.
 
Michael Meyns