Top Girl oder LA DÉFORMATION PROFESSIONNELLE

Im zweiten Teil einer geplanten Trilogie über das weite Feld Frauen und Arbeit beschäftigt sich Tatjana Turanskyj in “Top Girl oder la déformation professionelle“ mit Prostitution. Julia Hummer spielt mit praktisch regloser Mine eine wenig erfolgreiche Schauspielerin, die als Escort-Service ihren Lebensunterhalt verdient. Ein sehenswerter feministischer Blick auf einen vieldiskutierten Berufszweig.

Webseite: www.topgirl-the-movie.com

Deutschland 2014
Regie, Buch: Tatjana Turanskyj
Darsteller: Julia Hummer, Susanne Bredehöft, Jojo Pohl, RP Kahl, Simon Will, Thorsten Heidel
Länge: 94 Minuten
Verleih: Drop Out Cinema
Kinostart: 15. Januar 2015
 

FILMKRITIK:

„Ganz normal GV und dann noch mit dir liegen“ hat ein Kunde bestellt und genau das bekommt er auch. Dass Helena (Julia Hummer) dabei gelangweilt auf ihr Handy schaut sagt alles über ihr Verhältnis zu ihren Kunden aus, über eine rein geschäftliche Beziehung, in der vorher Absprachen getroffen werden, Sex nach Zeitplan vollzogen wird und auch extreme Wünsche erfüllt werden: Egal ob sie einen Kunden mit Strap-On-Penis penetriert, sich in Latex-Kleidung präsentiert oder anschließend penibel die Gerätschaften oder die Coach reinigt: Kaum eine Mine verzieht Helena.

In einer Escort-Agentur in Berlin-Mitte arbeitet die 29jährige, die eigentlich Schauspielerin ist, aber kaum Rollen bekommt. Einmal sieht man sie bei einem Casting, das sie absichtlich scheitern lässt. Zu abgeschmackt erscheint ihr die Rolle einer betont notgeilen Frau, die auf einer Party Männer anmacht. Dass sich diese Rolle eine Frau ausgedacht hat, deutet schon an, dass es Tatjana Turanskyj in ihrem Film nicht zuletzt auch um den Blick auf Sexualität geht, die Wahrnehmung von Prostitution, das sich wandelnde Selbstverständnis.

Während Helena ihre Arbeit scheinbar ganz pragmatisch betrachtet, zu ihren Kunden fährt, wie zu gewöhnlichen Terminen, ist ihre Mutter, eine Alt 68erin, ganz anders. Äußerlich lässt sie sich zwar nichts anmerken, doch kleine, spitze Bemerkungen lassen ahnen, wie sehr sie den Lebensweg der Tochter ablehnt. Auf deren 11jährige Tochter passt die Mutter des Öfteren auf, ganz normale Familienstrukturen eigentlich, aber eben doch ungewöhnlich.

Der Untertitel „La déformation professionelle“ deutet schließlich an, dass es Turanskyj nicht einfach um eine nüchterne Darstellung der Arbeitswelt Prostitution geht. Schon in „Eine flexible Frau“ dem ersten Teil ihrer geplanten Trilogie über Frauen und Arbeit hatte sie sich mit der Frage beschäftigt, wie Arbeit in der modernen Gesellschaft die Menschen beeinflusst, wie patriarchalische Strukturen auch in einer vermeintlich emanzipierten Gesellschaft wirken. Gerade das Kino, dem oft ein männlicher, voyeuristischer Blick zugeschrieben wird, wäre dabei sicherlich ein lohnendes Sujet, doch die Prostitution ist es nicht minder. Dabei gelingt es Turanskyj erstaunlich unerotisch zu filmen, die zahlreichen Sexszenen so distanziert, ja geradezu klinisch wie möglich zu inszenieren und dabei eher den männlichen Körper in den Mittelpunkt zu stellen und zu entblößen als den weiblichen.

Lange Zeit ist „Top Girl oder la déformation professionelle“ dadurch tatsächlich das was Turanskyj als essayistisches Spielfilm bezeichnet. Erst im letzten Drittel führt eine eher konventionelle Handlung die professionelle Deformation Helenas zum konsequenten Ende, wächst sie aus ihrer Rolle der eher passiven Prostituierten heraus. Für einen Kunden organisiert sie eine Art Rollenspiel, in dem vier Frauen zum wortwörtlichen Jagdobjekt degradiert werden. Ein wenig plakativ ist dieses Ende, nicht so subtil in der Analyse wie der Rest eines Films, der lange Zeit gerade durch seinen überlegten, distanzierten Blick überzeugte. Dennoch gelingt Tatjana Turanskyj mit „Top Girl“ ein sehenswerter Film über Prostitution, der gerade durch seinen weiblichen Blick überzeugt.
 
Michael Meyns