True Love Ways

Der Schweizer Filmemacher Mathieu Seiler ist bekannt für seine außergewöhnlichen Film-Visionen, die er in höchst unorthodoxe und unkonventionelle Bilder übersetzt. Das verhält sich bei  "True love ways" nicht anders: ein mit genialen Einfällen und Spielereien ausgestatteter Mystery-Psychothriller-Mix mit deutlichen Horror- und Film-Noir-Bezügen. Trotz einer qualitativ schwächeren zweiten Hälfte überzeugt der Film, vor allem dank seines unheilvollen Sounddesigns und der vielen gelungenen Verweise auf Thriller- und Horror-Klassiker.

Webseite: www.dropoutcinema.org/archive/movies/true-love-ways

Deutschland 2014
Regie: Mathieu Seiler
Drehbuch: Mathieu Seiler
Darsteller: Anna Hausburg, Kai Michael Müller, David C. Bunners, Michael Greiling
Länge: 95 Minuten
Verleih: Drop-Out Cinema
Kinostart: 01. Oktober 2015
 

FILMKRITIK:

Immer wieder wird Séverine (Anna Hausburg) von demselben Traum heimgesucht: sie begegnet einem Fremden, der in einem offenen, weißen Auto unterwegs ist. Es kommt zu einem Kuss. Die junge Frau glaubt, dass der Traum nicht bedeutungslos sein kann, weshalb sie an der Liebe zu ihrem Freund Tom (Kai Michael Müller) zweifelt. Kurzerhand beschließt sie, für einige Tage ans Meer zu fahren, um den Kopf frei zu bekommen. Tom schmiedet derweil einen perfiden Plan: er setzt einen zwielichtigen Fremden auf Séverine an, der ihr auflauern und sie dann entführen soll. Das Ziel: Tom will als Beschützer in der Not herbeieilen und so seine Freundin neu für sich gewinnen. Doch das Vorhaben gerät außer Kontrolle, da der Fremde ganz eigene, perverse Pläne mit der hübschen Frau verfolgt.

"True love ways" ist der neue Film des Schweizer Arthouse-Filmers Mathieu Seiler, der seit jeher seine speziellen filmischen Visionen auf ganz eigene, individuelle Art umsetzt und dabei immer wieder verschiedene Genres und Stile auf ungewöhnliche Weise mixt. Das ist auch bei "True love ways" der Fall, eine Art Mystery-Psychothriller-Hybrid mit Noir- und Horror-Elementen sowie deutlichen Bezügen zu Hitchcock und Polanski. Da passt es gut ins Bild, dass sich in "True love ways" – wie in früheren Filmen von Seiler – erneut Traum und Wirklichkeit sowie Gewalt und ungezügelte Leidenschaft vermengen.

Mit hohem künstlerisch-ästhetischem Anspruch geht Seiler hier zu Werk und garniert seine ungewöhnliche Genre-Melange mit ordentlich Retro-Charme. Nicht nur, dass er seinen Film in nostalgischem Schwarz-Weiß inszeniert hat, er nutzt auch eine ganze Reihe an Kulissen, Gimmicks und Requisiten mit hohem Kult-Faktor: vom VW-Käfer, mit dem die Hauptfigur quasi in ihr Unglück fährt, über alte Telefone mit Wählscheibe bis hin zu einfachen, mitunter schäbig anmutenden aber jederzeit charmanten, spärlich ausgestatteten Wohnungen wie die von Séverine.

Einigen Szenen sind darüber hinaus überdeutliche Reminiszenzen an bekannte Sequenzen aus alten Hitchcock- und Polanski-Klassikern gemein. Etwa dann, wenn die Kamera immer wieder in langen Einstellungen das Gesicht von Séverine beim Autofahren in Großaufnahme zeigt ("Psycho") oder wenn sie sich in ihren eigenen vier Wänden zunehmend in Panikattacken und Angstzuständen verliert und überstürzt ihren Koffer packt ("Ekel"). Vor allem in der ersten Filmhälfte ist das Werk auch von einer unheilvoll-bedrohlichen Stimmung durchzogen, die nicht zuletzt dem düsteren Sounddesign und der beklemmenden musikalischen Untermalung geschuldet ist.

Die dunklen, vom kurz bevorstehenden Unheil kündenden Toneffekte untermalen auch eine der besten, fast surreal anmutenden Szenen des Films: relativ zu Anfang, wenn eine zunehmend verstörte und ob der wiederkehrenden Träume verunsicherte Séverine im Park Abstand und Ruhe sucht. Mit der Ruhe ist es vorbei, als sich abwechselnd eine finster dreinblickende Frau mit einem Kind im Rollstuhl sowie ein aufdringlich-offensiv auftretender Mann mit Sonnenbrille zu ihr gesellen – und gegenüber auch noch zwei weitere Gestalten merkwürdig mit einer Kamera und einem Stativ hantieren. Das  ganze Szenario präsentiert Seiler mit schnellen Schnitten und eben jenem großartigen Klang-Teppich. 
Die zweite Hälfte des Films fällt qualitativ ein wenig ab. Hier wandelt sich der Film dann zum Entführungs- und Rache-Thriller mit teils heftigen Gewalt- und der ein oder anderen deftigen Splatter-Einlage. Ganz im Stile von Liam Neeson oder Steven Segal rächt ich Séverine als Ein-Mann-Armee auf blutige Weise an ihren Feinden, wobei sich Dramaturgie und Handlungsverlauf hier als recht vorhersehbar und überraschungsarm erweisen. Sieht man davon sowie der Tatsache ab, dass sich die agierenden Personen gegen Ende oft auch sehr naiv und wenig plausibel verhalten (nicht zuletzt Tom bei seiner unglücklich verlaufenden Befreiungsaktion), erlebt man hier einen erfrischenden, unorthodoxen Genre-Mix mit vielen starken Ideen und Elementen.

Björn Hoffmann