TrustWHO

Zuletzt produzierte die Filmemacherin Lilian Franck („Pianomania“) den Dokumentarfilm „Free Lunch Society“ zum Thema Grundeinkommen, nun beackert sie in „TrustWHO“ ein nicht minder gesellschaftsrelevantes Feld. Ihre Recherche nimmt die Arbeit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisch unter die Lupe. Entlang zahlreicher Interviews stellt Franck die Frage, inwiefern die WHO am Tropf von Pharmafirmen und Politik hängt – und wie das manche Entscheidungen der Organisation beeinflusst.

Webseite: www.trustwho.film

Österreich, Deutschland, Frankreich, Japan, Schweiz 2018
Regie: Lilian Franck
Drehbuch: Lilian Franck, Robert Cibis, Anja Neraal
Mitwirkende: Thomas Zeltner, Robert James Parsons, Douglas Bettcher, German Velasquez, Wolfgang Wodarg, Albert Osterhaus, Marie-Paule Kieny, Naoto Kan, Alison Katz, Shunichi Yamashita, Maria Neira
Laufzeit: 85 Min.
Verleih: RealFiction
Kinostart: 1. März 2018

FILMKRITIK:

Professor befürchtet in Deutschland 35000 Tote! – Virus nicht zu stoppen! – Experte sicher: Ab jetzt jedes Jahr Schweinegrippe! So befeuerte die BILD 2009 die Schweinegrippe-Hysterie. Doch nicht nur die Medien dramatisierten den Virus H1N1, auch die WHO mit Sitz in Genf schürte Kritikern zufolge Ängste. Um die höchste Epidemie-Warnstufe 6 ausrufen zu können, stufte die WHO eigens die Kriterien dafür herunter. Eine Beeinflussung durch Pharmafirmen und Impfstoffproduzenten scheint hier – wie in manch anderem Fall – nicht ausgeschlossen. 2011 beim Reaktorunglück in Fukushima und 2014 bei der Ebola-Epidemie im Kongo trat die UN-Sonderorganisation hingegen verharmlosend auf. Wird die WHO ihrem Anspruch, eine weltweit gleichberechtigte Gesundheitsversorgung herzustellen, überhaupt gerecht? Und wem schenken wir da eigentlich unser Vertrauen?
 
Der Thriller-haft zugespitzte Prolog von „TrustWHO“ führt den investigativen Ansatz ein, den Lilian Franck mit ihrer Recherche verfolgt. Zur schnell geschnittenen Collage aus Newsschnipseln, Politikerreden, Bildern von Flüchtlingsbooten und kranken Kindern spannt sie das internationale Feld ihrer Thematik auf. Ebenfalls bezeichnend sind die allein gesehen idyllischen, im Kontext aber mahnenden Aufnahmen eines in Zeitlupe umherspringenden Mädchens. Die Stimmungsbilder verweisen auf die persönliche Herangehensweise Francks, die sich als „Filmemacherin und Mutter“ vorstellt und später erzählt, dass die Schweinegrippe-Panik sie während ihrer Schwangerschaft verunsicherte. Die Nachforschungen sind persönlich motiviert, gehen aber – auch das macht der Vorspann klar – alle was an.
 
Die Haupt-Akteurin Lilian Franck stellt viele kritische Fragen, hakt nach, und ist dabei regelmäßig im Bild zu sehen. Für die klassisch gefilmten Interviews bekam die Macherin zahlreiche Verantwortliche vor die Kamera, darunter aktive WHO-Beamten, ehemalige Mitarbeiter und Whistleblower, Politiker und investigative Journalisten. In den Gesprächsverläufen tun sich manche Erinnerungslücken auf, bisweilen blocken die Interviewten ab, und natürlich kassiert Franck auch Absagen.
 
Im betulich eingesprochenen Off-Kommentar meldet sich Lilian Frack ebenfalls zu Wort. Der persönliche Ansatz will nicht unbedingt zum Thema passen, unterstreicht den dringlichen Gestus der Doku aber ebenso wie die sentimentalen Bilder von Kindern, deren Zukunft auf dem Spiel steht. Dazwischen belegen Archivbilder, Dokumente und Zeitungsartikel in klassischer Manier die Fakten.
 
Am Ende gewinnt man eine Idee davon, welche Themen das Who is Who der Gesundheitsbranche auf opulenten WHO-Empfängen so bespricht. Klar wird, dass die WHO mitunter symbiotisch eng mit Industrie und Politik kooperiert. Nicht problematisiert wird hingegen, inwieweit das diplomatische Abwiegeln in der Natur der Sache liegt. Erfolge der WHO blendet Franck aus. Ihr geht es um einen kritischen Blick hinter die Kulissen einer gemeinhin als vertrauenswürdig angesehenen Organisation – und der ist durchaus diskussionswürdig.
 
Christian Horn