Voll verzuckert – That Sugar Film

Vor zehn Jahren sorgte Doku-Filmer Morgan Spurlock mit seiner Fast-Food-Fressorgie „Super Size Me“ für Furore, Oscar-Nominierung inklusive. Nun schreitet sein australischer Kollege Damon Gameau zum Selbstversuch. Er begibt sich auf den Zucker-Trip. 40 Teelöffel davon konsumiert er täglich, was dem durchschnittlichen Tagesverbrauch australischer Teenager entspricht. Zwei Monatae dauert das süße Experiment. Danach ist das Versuchskaninchen fett, krank – und süchtig. Die bittere Wahrheit über die fatalen Gesundheitsgefahren versüßen Gastauftritte von Hugh Jackman und Stephen Fry. Deren originell verspielten Beiträge sind die Glanzpunkte einer Doku, die strukturell und dramaturgisch etwas mehr Schärfe haben könnte.

Webseite: www.vollverzuckert-thatsugarfilm.de

USA 2014
Regie und Drehbuch: Damon Gameau
Darsteller: Damen Gameau, Hugh Jackman, Richard Davies, Stephen Fry
Filmlänge: 102 Minuten
Verleih: Universum Film; Vertrieb: Filmagentinnen
Kinostart: 29.10..2015
 

FILMKRITIK:

„Just can’t get enough“ singen „Depeche Mode“ programmatisch zum Auftakt, zu den Klängen des Ohrwurms gibt es Impressionen aus der Zucker-Industrie: bonbonbunte Berge aus Süßigkeiten, Schokolade und natürlich braune Limonade vom Fließband. Dann erzählt Autor und Regisseur Damon Gameau von seinem Selbstversuch, mit dem er nicht zuletzt seine schwangere Freundin beeindrucken möchte. Für die Dauer von zwei Monaten will er unter ärztlicher Aufsicht täglich die Menge von 40 Teelöffeln Zucker zu sich nehmen, was statistisch dem Tageskonsum australischer Teenager entspricht. Der besondere Kniff dabei: Gameau geht den offensichtlichen Kalorienbomben wie Cola, Kuchen und Schleckereien aus dem Weg und ernährt sich von vermeintlich gesunden Lebensmitteln, in denen der Zucker ziemlich versteckt daherkommt, wie Müsli, Getreideriegel oder Smoothies. Weil der Regisseur während seines Experimentes bei der Ernährung auf Fett weitgehend verzichtet, hat sich die Zahl der Kalorien kaum verändert – sein Bauchumfang wächst dennoch so schnell wie die schlechten Leberwerte steigen. Als „Tsunami-Effekt auf die Leber“ beschreibt ein Facharzt die Folgen des Zuckerkonsums.
 
Für Aufklärung der amüsanten Art sorgen derweil Stephen Fry und Hugh Jackman. Während der britische Comedy-Star Fry mit einem gewohnt grandiosen Auftritt die Unterschiede von Saccharose und Fructose aufzeigt, schlüpft Frauenschwarm Jackman ins Magierkostüm und erklärt kurz und bündig die Kulturgeschichte des Zuckers. Das süße Nahrungsmittel kam erst im 12. Jahrhundert nach Europa, vor 70 Jahren wurden erstmals die gesundheitlichen Risiken diskutiert, bis dann in den 1980er Jahren dem Fett die Gesamtschuld an Zivilisationskrankheiten zugeschrieben wurde. Der Praxistest des Regisseurs ergibt derweil ein anderes Bild. Sei es im australischen Outback, wo ein Dorf von Aborigines zunächst erfolgreich gegen den grassierenden Zuckerkonsum ankämpft, um dann zu scheitern. Oder mitten in Kentucky, wo bereits Kleinkinder mit süßen Getränken abgefüllt werden, um als Teenager mit massiven Zahnproblemen zu enden.
 
Dann schließlich geht es zur Kernfrage: Weshalb ist dieser künstliche Zuckerberg derart riesig? Warum setzt die Lebensmittelindustrie seit wenigen Jahrzehnten derart massiv auf den Einsatz der überflüssigen Süßstoffe? Weshalb unternehmen Regierungen so wenig gegen die offenkundigen Gesundheitsgefahren der Bevölkerung? Während Gameau sich bei seinen Einzelfällen und dem recht eitel inszenierten Selbstversuch ausgiebig Zeit nimmt und sich mit den diversen Einlagen seiner schwangeren Freundin arg vertänzelt, fällt die politische Analyse reichlich knapp aus. Da gibt es jenen einflussreichen Wissenschaftler, der Zucker die medizinische Absolution erklärt – und der von Coca Cola bezahlt wird. Oder der skrupellose Lebensmittelchemiker, der die perfekte Cola erfindet, die ein regelrechtes Suchtpotenzial besitzt. Last not least die Konzerne, die auf Selbstbestimmung der Verbraucher und das Recht auf Genuss setzen. Das Potenzial dieser brisanten Themen wird durch den allzu braven Zugang jedoch weitgehend verschenkt, dem industriellen Zuckerbrot hätte die journalistische Peitsche allemal gut getan.
 
An die rebellisch-rotzige Lässigkeit des Fast-Food-Vorbilds von Super Size Me“ kommt dieser Zucker-Abklatsch des australischen Schauspielers und Erstlingsregisseurs Gameau selten heran. Mit den wissenschaftlichen und pädagogischen Qualitäten hiesiger TV-Formate wie „Planet Wissen“ oder „Quarks & Co“ kann es die substanziell unterzuckerte Doku kaum aufnehmen. Immerhin, das ist der große Pluspunkt, geben hier Stephen Fry und Hugh Jackman dem Affen Zucker.
 
Dieter Oßwald