Vom Gießen des Zitronenbaums

Auf den Nahost-Konflikt, auf das Leid des palästinensischen Volkes, gibt es viele unterschiedliche Reaktionen. Elia Suleiman wählt in seinen Filmen das distanzierte Staunen, blickt mit verblüffter Verwunderung auf die Absurdität der Lage in Palästina. In seinem neuen, in Cannes ausgezeichnetem Film „It must be Heaven“ erweitert er nun seinen Blick – um am Ende doch in seiner Heimat einen Funken Hoffnung zu finden.

Webseite: www.neuevisionen.de

It must be Heaven
Palästina/ Frankreich 2018
Regie & Buch: Elia Suleiman
Darsteller: Elia Suleiman, Gael Garcia Bernal, Ali Suliman, Grégoire Colin, Alain Dahan, Raia Haidar, Vincent Maraval
Länge: 97 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 16.1.2020

FILMKRITIK:

In Nazareth lebt der Regisseur Elia (Elia Suleiman) allein in einem großen Haus mit Garten, der langsam von einem Nachbarn übernommen wird. Während in seiner Heimat der Nahost-Konflikt zum Alltag geworden ist, verrückte Menschen auf den Straßen rumlaufen, israelische Soldaten wie selbstverständlich Gefangene durch die Gegend fahren, versucht Elia einen neuen Film auf die Beine zu stellen.
 
Doch die Finanzierung erweist sich als schwierig, denn von einem palästinensischen Filmemacher wird nichts anderes erwartet, als ein Film über die Not der Palästinenser. Doch auch das wird von potentiellen Geldgebern in Paris, wo Elia zunächst Produzenten trifft, nur noch mit Achselzucken hingenommen. In den Straßen der französischen Hauptstadt trifft er stattdessen auf vereinzelte Spuren eines zunehmenden Überwachungsstaates, auf ständige Polizeipräsenz, die sich auch in New York, seiner zweiten Station, fortsetzt. Schließlich kehrt er mit der Erkenntnis in seine Heimat zurück, dass die ganze Welt zunehmend Palästina ähnelt.
 
Grau sind Elia Suleimans Haare inzwischen geworden, auf denen fast immer ein Strohhut sitzt, der im direkten Gegensatz zu den absurden Dingen zu stehen scheint, die er mit seinem stets traurigen, verwunderten Blick beobachtet; stets aus passiver Position, als stiller Beobachter einer Welt, die zunehmend aus den Fugen zu geraten scheint. Für seine Heimat gilt das besonders, doch diesmal hat Elia Suleiman keinen Film gedreht, der sich dezidiert mit dem Nahost-Konflikt beschäftigt. Der Nachbar, der eigenmächtig den Garten Elias übernimmt verweist zwar unmissverständlich – und auch ein wenig unsubtil – auf den Landraub Israels, der das von den Palästinensern bewohnte Gebiet immer kleiner werden lässt, doch bald öffnet sich Suleimans Blick.
 
In seinen beiden bekanntesten Filmen „Göttliche Intervention – Eine Chronik von Liebe und Schmerz“ und „Die Zeit, die bleibt“ hatte er sich noch ausschließlich mit der Situation in Palästina beschäftigt, hatte mit sich selbst in der Hauptrolle und seinem typischen, an Buster Keaton oder Jacques Tati erinnernden Stil, einen melancholischen Blick auf seine Heimat geworfen. Zehn Jahre ist das inzwischen schon her, seitdem ist viel passiert, vielleicht aber auch nichts. Von einem lebensfähigen, wirklich unabhängigen Staat sind die Palästinenser weiter entfernt als lange, da würde es nicht verwundern, wenn sich ein gewisses Maß an Resignation breit macht.
 
Vielleicht rührt daher der Wunsch Suleimans, in seinem neuen Film nach außen zu blicken, sein Land zu verlassen. Was er dort findet, in den Weltstädten Paris und New York, kann ihm nicht gefallen. Das Schicksal der Palästinenser interessiert hier kaum jemanden, wenn ihn ein Taxifahrer nach seiner Herkunft fragt, ist er für einen Moment ein exotisches Wesen, mehr nicht. Und doch, als er am Ende seiner Reise in seine Heimat zurückkehrt, muss er erkennen, dass es vielleicht auch an seinem speziellen Blick liegt, dass sich scheinbar nichts geändert hat. In der letzten Szene sitzt Elia da allen in einem Club in Nazareth, im Hintergrund feiern junge Palästinenser ausgelassen, als gäbe es die Besatzung nicht, als könnte man alle Probleme einfach wegtanzen. Ein verschmitztes Lächeln meint man da auf Elias Gesicht zu erkennen, das andeutet, dass es trotz allem nie verkehrt ist, die Hoffnung nicht zu verlieren.
 
Michael Meyns