Wahrheit oder Pflicht

Deutschland 2004
Regie: Jan Martin Scharf, Arne Nolting
Darsteller: Katharina Schüttler, Thomas Feist, Jochen Nickel, Therese Hämer, Thorben Liebrecht
90 Minuten
Verleih: Zorro Film/Filmwelt
Start: 01.06.2006

www.derpflichtfilm.de´

Sieger der Schülerjury Max-Ophüls-Preis, Filmfest Saarbrücken

Nachdem Annika von der Schule geflogen ist, setzt sie alles daran, den Schein eines Schülerlebens inklusive Abi aufrecht zu erhalten. Eine der besten deutschen Komödien des Jahres… Hier ist er der Film zur aktuellen Bildungsdebatte und einer der komischsten des Jahres.
BR-Online

Eine 18-jährige Schülerin bleibt in der zwölften Klasse zum zweiten Mal sitzen; alle Hoffnungen aufs Abitur sind damit gescheitert. Dies den karriereorientierten, mehr mit sich selbst als mit der Tochter befassten Eltern zu gestehen, wagt die junge Frau nicht und verfängt sich in einem immer dichteren Netz aus Lügen und Verstellungen. Auf dem schmalen Grat von (Jugend-)Komödie und (bürgerlichem) Katastrophenszenario entwickelt der vor allem in Details aufmerksam inszenierte Film mal spielerisch, mal dramatisch den Kontrollverlust der ebenso haltlosen wie charakterfesten, hervorragend gespielten Hauptfigur.
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Ein Jahr vor dem Abi bleibt Annika erneut sitzen und fliegt von der Schule. Doch anstatt eine Lösung für ihr Problem zu suchen, verschweigt sie es und lernt gegenüber ihrem Umfeld mit einer Lüge zu leben. Weiterhin verlässt sie allmorgendlich das Elternhaus und gibt vor, zur Schule zu gehen. Eine Lüge, die sich sehr bald zu verselbständigen droht…
Die Jungregisseure Jan Martin Scharf und Arne Nolting zeigen in ihrem ersten Kinolangfilm, wie kurz die Beine einer Lüge wirklich sind. Die authentische Erzählung glänzt durch eine überzeugende Hauptdarstellerin.

Das Unheil beginnt mit einer Matheklausur. Für die achtzehnjährige Annika ist es die Arbeit, die über ihre weitere Zukunft entscheiden soll. Einmal ist sie bereits sitzen geblieben und auch im zweiten Anlauf bleibt ihr die Versetzung verwährt. Ein Jahr vor dem Abitur fliegt sie von der Schule. Eine Katastrophe, vor allem auch wenn sie an die bevorstehende Reaktion ihrer Eltern denkt. Um sich Zeit für ihre Beichte zu verschaffen, legt sie daheim ein altes und gefälschtes Zeugnis vor. Und obgleich die Noten miserabel sind, freut sich insbesondere die Mutter, dass ihre Kleine es geschafft hat und der Abschluss nun in greifbare Nähe rückt.

Die Zeit vergeht und Annika bringt ihre Energie nicht gerade für die Notwendigkeit auf, einen alternativen Lebensplan zu entwickeln. Stattdessen geht sie jeden Morgen aus dem Haus und gibt dabei vor die Schule zu besuchen. Um nicht entdeckt zu werden, verbarrikadiert sie sich in einem ausrangierten Wohnmobil. Hier lernt sie Kai kennen, der sie aus seiner Wohnung der nahe gelegenen Plattenbausiedlung bereits beobachtet hatte. Anfangs ist er behilflich, dass Lügengerüst und ihre Scheinwelt aufrecht zu halten, doch dann wird auch er Opfer einer Lüge.

Der Abi-Ball rückt näher und Annika fällt es von Tag zu Tag schwerer nicht aufzufliegen. Ihre Situation erscheint ihr ausweglos, denn unlängst hat sie den Zeitpunkt verpasst ihren Eltern gestehen zu können. Abgesehen davon, haben die Beiden ohnehin genug mit sich selbst zu tun. So lebt sie weiter mit der Lüge, flieht vor der Wahrheit und wartet auf den großen Knall, der unvermeidlich auf sie zukommt.

Die Grundidee zu „Wahrheit oder Pflicht“ ist nicht gerade neu, der daraus resultierende Ablauf der Geschichte nicht weiter überraschend und doch funktioniert der Film. Wunderbar authentisch haben die beiden Nachwuchsfilmer das provinzielle Leben eingefangen, das ihre Hauptdarstellerin umgibt. Verstärkt durch die durchweg stimmigen Randfiguren (großartig: Jochen Nickel als Annikas Vater), ist es insbesondere der verhaltene Charme einer Katharina Schüttler, der die Geschichte zu formen versteht. Erfrischend auch der weitgehende Verzicht auf moralische Belehrungen. Die Lüge als solche wird einerseits verurteilt, doch andererseits auch als Mittel zur Wahrheitsfindung erklärt. Die Erzählung gewinnt dadurch an Nähe und spiegelt das Leben wieder, wie es eben auch zu sein vermag.

Gary Rohweder