Wajib

In ihrem Drama „Wajib“ nimmt uns die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir mit auf eine Reise durch die Traditionen ihres Heimatlandes und erzählt nebenbei von einer dysfunktionalen Vater-Sohn-Beziehung.

Webseite: mecfilm.de

Palästina 2017
Regie: Annemarie Jacir
Darsteller: Mohammad Bakri, Saleh Bakri, Tarik Kopty, Monera Shehadeh, Lama Tatour, Maria Zreik
Länge: 96 Minuten
Verleih: mec Film
Kinostart: 19. September 2019

FILMKRITIK:

Schon vor einigen Jahren hat der Architekt Shadi (Saleh Bakri) seiner Heimatstadt Nazareth und damit auch seiner gesamten Familie den Rücken gekehrt, um sich in Rom ein neues Leben aufzubauen. Nun kommt er zurück, denn die Hochzeit seiner Schwester Amal (Maria Zreik) steht kurz bevor. Und wie es die palästinensische Tradition wünscht, müssen Shadi und sein Vater Abu (Mohammad Bakri) die Hochzeitseinladungen an die Gäste persönlich übergeben. Also begibt sich das ungleiche Vater-Sohn-Gespann auf eine Reise durch die Straßen Nazareths. Dabei reißen alte Wunden auf, denn sein Vater hat Shadi nie verziehen, dass er sich einfach so aus dem Staub gemacht hat, während Shadi seinem Vater wiederum vorwirft, sich ohne Widerstände den Traditionen zu beugen, ohne einmal zu hinterfragen, ob diese überhaupt noch zeitgemäß sind. Als Shadi seiner Schwester dann auch noch die Nachricht überbringen muss, dass ihre Mutter nicht zu Amals Hochzeit erscheinen wird, liegen die Nerven bei allen Familienmitgliedern blank.
 
Der Begriff „Wajib“ bedeutet im Arabischen so viel wie soziale Verpflichtung. Viele davon reißt die Regisseurin und Drehbuchautorin Annemarie Jacir („Das Salz des Meeres“) in ihrem nunmehr dritten allein inszenierten Spielfilm an und kann dabei aus erster Hand erzählen. Sie selbst wuchs im palästinensischen Bethlehem auf und erlebte den Zwiespalt von Tradition und Moderne am eigenen Leib. Davon wird auch ihr neuer Film getragen, für den sie, ganz ohne ausformulierte Anklage oder eine klar definierte Position, ein sehr reduziertes Setting wählt. Die meiste Zeit verbringen wir als Zuschauer im Auto der beiden Hauptfiguren und sehen so, wie die Moderne (Shadi) und die Tradition (Abu) aufeinanderprallt. Die Streitgespräche führen nur bedingt zu neuen Erkenntnissen, doch genau das ist es, was Jacirs Film so besonders macht. Die Filmemacherin wählt keine Position, verzichtet auf einen Mentor, ein abschließendes Fazit. Stattdessen bildet „Wajib“ einfach nur zwei Männer ab, die gegenseitig ihre Standpunkte austauschen und unterfüttert sie zugleich mit Abstechern in unterschiedliche Familien, die mal die eine, mal die andere Seite vertreten. Am Ende kann und muss sich eben jeder selbst ein Bild machen.
 
Der vielen sicherlich aus der international erfolgreichen TV-Serie „Homeland“ bekannte Mohammad Bakri und der hierzulande noch weitgehend unbekannte Saleh Bakri („Die Band von Nebenan“) sind auch im echten Leben Vater und Sohn. Ihre Performances in „Wajib“ sind in erster Linie auf Konfrontation ausgelegt. Doch es ist sicher auch ihrer im wahren Leben engen Bindung zu verdanken, dass zwischen den lautstark ausgetragenen Streitgesprächen immer auch die Liebe durchscheint, die beide füreinander hegen. Das macht nicht nur die hier abgehandelten Konflikte, die sich vor allem auf familiäre Verpflichtungen konzentrieren, so nachvollziehbar. Annemarie Jacir erhält bis zum Schluss den Eindruck aufrecht, dass ihr ihre Figuren wichtig sind, sodass sie sich umso intensiver in ihre Lebensumstände einfühlt. Nur so lässt es sich als Zuschauer ein eigenes Bild von den Problemen machen, denn auf Klischees und Nahost-Vorurteile greift Jacir nie zurück. 
 
Annemarie Jacir erzählt keine Geschichte über Radikalität über Extremismus, selbst wenn in „Wajib“ auch solche Dinge wie Gottgläubigkeit eine große Rolle spielen. Stattdessen klopft sie ganz generell Traditionen auf ihre Alltagstauglichkeit ab, sodass ihr Film eigentlich in so ziemlich jedem Land spielen könnte. Die hier verhandelten Themen sind universell wichtig. Wenn die zukünftige Braut Amal etwa erfährt, dass ihre die Familie früh für einen anderen Mann verlassene Mutter gar nicht erst zu ihrer Hochzeit erscheinen wird, da ihr Lebensgefährte im Sterben liegt, begibt sich „Wajib“ raus aus dem palästinensischen Kosmos und dringt bis in elementare dramatische Familienfilmgefilde vor, auf deren aufgeworfene Fragen sich genauso wenig eine schnelle Antwort finden lässt, wie auf alles drumherum. Das bedeutet jedoch nicht, dass „Wajib“ nicht von den exotischen Bethlehem-Settings profitieren würde. Der Film sieht trotz seiner geringen finanziellen Mittel ganz hervorragend aus. Nicht, weil sich auf der Leinwand spektakuläre Bildgewalten eröffnen würden. Sondern weil Jacir auch bei der Inszenierung auf Detailverliebtheit und Kulturtreue setzt. Stark.
 
Antje Wessels