Westwood: Punk, Ikone, Aktivistin

Zu Beginn ihrer Karriere war die von der Londoner Subkultur der 1960er inspirierte Modedesignerin Vivienne Westwood eine Außenseiterin im Mode-Business. Über die Jahre eroberte die Britin jedoch die Laufstege und gewann renommierte Designpreise. Im klassisch aufgebauten Doku-Porträt „Westwood: Punk, Ikone, Aktivistin“ rekapituliert die Filmemacherin Lorna Tucker die biographischen Stationen Westwoods, spricht mit Weggefährt/innen und der Protagonistin selbst.

Webseite: www.westwood-derfilm.de

OT: Westwood: Punk, Icon, Activist
Großbritannien 2018
Regie: Lorna Tucker
Mitwirkende: Vivienne Westwood, Christina Hendricks, André Leon Talley
Laufzeit: 83 Min.
Verleih: NFP marketing & distribution
Kinostart: 20. Dezember 2018

FILMKRITIK:

„Lassen Sie es einfach hinter uns bringen,“ meint Vivienne Westwood am Anfang des Films. Einwürfe dieser Art folgen im Verlauf der Doku noch häufiger. Westwood erweist sich in den Interviews als ebenso störrisch wie ihre Modeschöpfungen und kapituliert nur widerwillig vor den Fragen der Regisseurin Lorna Tucker: „Ich werde alles erzählen – es ist so langweilig.“ Die Modedesignerin ist keine leicht zugängliche Protagonistin. Auch deswegen kommt ihr das Porträt nicht sonderlich nah, liefert aber immerhin einen Überblick über ihre Biographie und die Phasen ihrer Modedesigns.
 
Es war ein langer Weg, bis die 1941 in Großbritannien geborene Vivienne Westwood zur Modeikone aufstieg. 17-jährig zog die aus einfacher Familie stammende Künstlerin nach London, wo sie die Swinging Sixties und die Subkultur der Punkszene miterlebte. Gemeinsam mit dem „Sex Pistols“-Manager Malcolm McLaren, den sie jung heiratete, eröffnete sie einen alternativen Laden an der Kings Road, in welchem sie selbst designte Punk-Shirts mit provokanten Motiven verkaufte. Schon ein simpler Aufdruck mit dem Wort „Sex“ reichte, um das damalige Establishment zu düpieren.
 
Nach der Scheidung von McLaren entwickelte Westwood ihre Handschrift weiter, wurde aber von der Modebranche ignoriert und in Talkshows vom Publikum ausgelacht. Als 1985 ein hoch dotierter Vertrag mit Giorgio Armani platzte, musste sie Sozialhilfe beantragen. Doch letztlich wurde die Querdenkerin zwei Jahre in Folge als Designerin des Jahres prämiert und schaffte den Durchbruch in der Modewelt. Heute nutzt sie ihre Bekanntheit als Umweltschutzaktivistin und tritt bei Protestaktionen als Rednerin auf.
 
Tucker zeichnet Westwoods Werdegang chronologisch nach, begleitet die Protagonistin zu Modenschauen und unterfüttert die einzelnen Stationen mit Interviews und Archivmaterial. Westwoods progressiver Designhandschrift und ihrer bis ins hohe Alter bewahrten Punk-Attitüde wird der Film nur in wenigen Momenten gerecht, etwa wenn das Titelthema des Kubrick-Klassikers „Clockwork Orange“ ertönt, der ebenso Skandale machte wie Westwoods Mode. Anders als im intimen Porträtfilm „Lagerfeld Confidential“ gibt es in der Dokumentation nur wenige Momente, in denen Tucker der Designerin auf persönlicher Ebene nahe kommt.
 
Christian Horn

Ein offensichtlich spannendes Thema für eine Dokumentation ist Vivienne Westwood, die gern als der letzte Punk Großbritanniens bezeichnet wird, einst die Sex Pistols kleidete, im Lauf der Jahre für unzählige (Mode)-Skandale sorgte, inzwischen geadelt ist, jedoch stets rebellisch blieb. Wirklich nahe kommt ihr Lorna Tucker in ihrer Dokumentation „Westwood – Punk. Ikone. Aktivistin.“ jedoch nicht.
 
„Müssen wir da wirklich drüber sprechen? Das ist doch alles so langweilig!“ sagt Vivienne Westwood gleich zu Beginn von Lorna Tuckers Dokumentation „Westwood – Punk. Ikone. Aktivistin.“, für die die Regisseurin augenscheinlich praktisch unbegrenzten Zugang zu der inzwischen 77jährigen Modedesignerin hatte, die jedoch ebenso augenscheinlich nicht wirklich Lust darauf hatte, für noch einen Film über ihr Leben Rede und Antwort zu stehen.
 
Dabei gäbe es viel zu sagen, hat Westwood die britische Pop- und Modewelt doch seit den späten 60er Jahren entscheidend mitgeprägt. Durch ihre exaltierten Modedesigns, die sie auch selbst – ganz undamenhaft – auch im hohen Alter noch selbst trägt, aber auch durch ihre Mitwirkung an der legendären Punk-Band Sex Pistols, die sie zusammen mit ihrem damaligen Mann Malcolm McLaren ins Leben rief. Schon damals war Punk also auch und vielleicht vor allem ein Produkt, das auch dazu kreiert wurde, der konservativen britischen Gesellschaft ins Gesicht zu spucken, doch die weitergehenden Fragen dieses möglichen Widerspruchs verfolgt Lorna Tucker nicht weiter.
 
Ein wenig bieder erzählt sie anhand von historischen Fotos und Filmaufnahmen von Westwoods Leben und Schaffen, hakt penibel die Stationen ihrer Karriere ab, die sie vom Punk langsam zu einer respektierten Modedesignerin machten, die allerdings erst spät vom Establishment gewürdigt wurde. Und schließlich sogar zur Dame gemacht wurde, denn die Queen erhob Westwood 2006 in den Adelsstand, eigentlich eine zwiespältige Auszeichnung für eine Punk-Ikone, doch auch hier hakt Tucker nicht nach.
 
Wie so viele dokumentarische Porträts, die in einer Zeit entstehen, da dank Internet und YouTube über neuere Figuren der Zeitgeschichte enorme Mengen an Informationen, vor allem Filmaufnahmen frei verfügbar sind, gelingt es auch Lorna Tucker nur bedingt, einen eigenen Zugang zu ihrem Subjekt zu finden. Im Bemühen, das gesamte Leben Vivienne Westwoods nachzuzeichnen, bleibt Tucker dabei oft etwas oberflächlich, hakt Kontroversen ebenso schnell ab wie die politische Entwicklung Westwoods, die sich in den vergangenen Jahren für vielfältige Themen engagiert. Ursprünglich scheint dies der Anlass der Dokumentation gewesen zu sein, so dass sich Westwood selbst enttäuscht von Tuckers Dokumentation zeigte, und bedauerte, dass ihr Aktivismus gegen den Brexit, die Klimaerwärmung oder das Fracking nur kurz abgehandelt werden.
 
Die aufschlussreichsten Szenen des Films sind dann auch jene, in denen Tucker Westwood und ihren ehemaligen Studenten und inzwischen langjährigen Mann Andreas Kronthaler bei der Entwicklung einer aktuellen Kollektion zeigt. Wie das Duo da selbst Hand anlegt, Entwürfe begutachtet, jeden Aspekt der Modenschauen zu kontrollieren versucht, erzählt von einer Lust an der Arbeit, an innovativem Design, dass sich Westwood auch mit 77 Jahren noch bewahrt hat. Und zeigt letztlich, dass sie in der Gegenwart lebt und sie keine Zeit hat, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen, auch wenn diese für Außenstehende so faszinierend ist.
 
Michael Meyns