Who You Think I Am

Juliette Binoche brilliert in der Rolle einer geschiedenen 50-Jährigen, die sich auf Facebook verliebt, nachdem sie einem jüngeren Mann vorspiegelte, sie sei 24. Komisch, einfühlsam und nachdenklich behandelt „Who You Think I Am“ weibliche Selbstzweifel und die besonderen Fallen des Kontakts über Soziale Netzwerke.

Webseite: www.alamodefilm.de

Celle que vous croyez
Frankreich 2018
Regie: Safy Nebbou
Buch: Safy Nebbou, Julie Peyr, nach dem gleichnamigen Roman von Camille Laurens
Darsteller: Juliette Binoche, François Civil, Nicole Garcia, Marie-Ange Casta, Guillaume Gouix
Länge: 101 Min.
Verleih: Alamode
Kinostart: Sommer 2019

FILMKRITIK:

Sieht Juliette Binoche gut aus? Solche Fragen werden überhaupt nicht gestellt. Auch der Deal als Werbegesicht für die Kosmetikfirma „Lancôme“ ist deutlich. Umso bemerkenswerter, wie ihre Schauspielkunst diesmal dafür sorgt, dass wir sie auch in der Rolle einer Frau mit großen Zweifeln am eigenen Aussehen akzeptieren.
 
Nach einer traumatischen Scheidung und einem Liebhaber, der nur zwanglosen Sex will, macht sich Claire (Binoche) über den Messenger von Facebook an Alex (François Civil), den jungen Mitbewohner des Liebhabers ran. Die 50-jährige Literatur-Professorin hat bislang soweit von den sozialen Medien entfernt gelebt, dass sie nicht weiß, was Instagram ist. Nun nennt sich Claire in einem neuen Profil Clara, gibt spontan ihr Alter mit 24 an und postet ein passendes Foto von jemand anderer. Im sich schnell entwickelnden Chat zündet es, Claire ist verliebt und auch Alex ist begeistert – von Clara. Die vorher deprimierte Frau ist so verliebt, dass sie selbst in Bibliotheken zu laut telefoniert. Laut wird auch der Telefonsex im Auto. Zwischendurch glaubt sie selbst an das andere Alter ihres Alter Ego und die Frühlingsgefühle lassen sie tatsächlich jünger wirken. Ihre beiden Söhne wundern sich. Nicht nur wenn Mama auf dem Parkplatz zahlreiche Runden fährt, weil vor dem Abholen der Kinder ein spannendes Telefon-Gespräch erst ungestört beendet werden muss.
 
Claire ist immer wieder komisch – und gleichzeitig tragisch in der Selbstverleugnung des eigenen Körpers. Die Liebesgeschichte mit Alex, die gleich mehrere überraschende Wenden nehmen wird und keineswegs konventionell verläuft, erleben wir aus der Perspektive eines Gesprächs von Claire mit ihrer neuen Psychologin. Wobei der Film, basierend auf einem gleichnamigen Roman von Camille Laurens, hauptsächlich aus dem Gesicht der Binoche besteht. Die Jury-Präsidentin der Berlinale 2019, auf der „Who You Think I Am“ als „Berlinale Special“ lief, zeigt eindrucksvoll Begeisterung, Freude, Abhängigkeit und Verzweiflung. Alles meist in Großaufnahme, die gefühlt 70 Prozent des Films ausfüllt. Eindeutig ein Gesichtsfilm, besser Schauspieler-Film, den Safy Nebbou („Der Hals der Giraffe“ 2004, „Das Zeichen des Engels“ 2008) schrieb und inszenierte. Dabei beschäftigt sich die Dozentin für französische Literatur Claire vor allem mit den Intrigen aus „Gefährliche Liebschaften“, etwas „Cyrano“ hätte auch gepasst. Die Frage nach der Moral dabei, eine andere Identität mit geklauten Fotos anzunehmen, bekommt eine dramatische Antwort. Zentral steht allerdings die emotionale Achterbahnfahrt solch einer körperlosen Affäre und dann der Zustand einer Frau, die gegen allen Anschein an ihrem Aussehen zweifelt. Eine schöne und nachdenkliche Spielerei mit ernstem Hintergrund, getragen vom Aussehen und der Schauspielkunst der Binoche.
 
Günter H. Jekubzik